Meilensteine

Repertoire neu vermessen

17.9.2019

Es gehört weltweit wohl zu den schönsten Aufgaben eines Symphonieorchesters, Programme zu entwickeln. Den Kanon des zu spielenden Repertoires zu erweitern und jenes, das von Veranstaltern und Publikum verlangt wird, in immer neuen, ansprechenden Narrativen anzubieten. Die Wiener Symphoniker unter ihrem Chefdirigenten Philippe Jordan haben sich für die Konzertsaison 2019-20 das Ziel gesetzt, ihre Programme mit Meilensteinen neu zu vermessen und damit anregende Aufmerksamkeitsinseln aufzusuchen.

Es geht dabei darum, Werke zu präsentieren, deren Uraufführungen oder Wiederentdeckungen etwas ausgelöst haben. Deren künstlerisch schöpferische Strahlkraft ästhetische Impulse freigesetzt hat, die das „Hören danach“ verändert haben. Am Podium wie im Publikum Diskussionen entfachten. Die Idee, was Musik sein kann und sein darf, neu verhandelten und damit einen großen Einfluss auf das ausübten, was wir heute als Verlauf der Musikgeschichte betrachten.

In manchen Fällen gründeten sich durch diese Meilensteine nationale Schulen, und motivierte die nächste Generation das Echo aufzunehmen. -sich daran zu reiben.

So beginnend im Saison-Programm mit einem handfesten Pariser Skandal aus dem Jahr 1913. Als in Wien das „Watschenkonzert“ Furore machte, erlebte die Uraufführung von Strawinskis „Le sacre du printemps“ eine neue Definition, wie viel rhythmische Archaik eine Partitur verträgt.

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Mendelssohn-Bartholdy erhielt von seiner Großmutter 1823 eine Abschrift der Matthäus-Passion und leitete mit deren Wiederaufführung sechs Jahre später eine Bach-Renaissance ein. Philippe Jordan spannt den Bogen von Bach zu „choralen Festen“ in Mendelssohns „Reformations“-Symphonie.

Den deutschen Querkopf Richard Wagner beleuchtet die jüngste deutsche Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz – das „Siegfried“-Idyll mündet in den Ersten Aufzug der „Walküre“. Der junge Amerikaner Robert Trevino hingegen wird Mahlers Fünfte neu vermessen; die „Auferstehungs“-Symphonie und die „Symphonie der Tausend“ folgen gegen Ende der Saison mit Chefdirigent Philippe Jordan.

Das Feuer und nicht die Asche prägte auch Jean Sibelius, den Vater der Finnischen Musik, wobei der junge finnische Dirigent Santtu-Matias Rouvali ordentlich „einheizen“ wird.

Finnlandia“ ist Teil des finnischen Nationalbewusstseins - Sibelius Symphonie Nr. 1 aus dem Jahr 1899 war von Beginn an ein Erfolg,eine finnische Zeitenwende.

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Termine:
Philippe Jordan Konzert Musikverein Wien (c) Johannes Ifkovits
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Jordan, Bronfman / Brahms, Strawinski
conductors Philiippe Jordan (c) Julia Wesely
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan, Johannsen, Mühlemann, Lehmkuhl, Güra, Volle, Singverein / Bach, Mendelssohn Bartholdy
Joana Mallwitz (c) Nikolaj Lund
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Mallwitz, Holloway, Gould, König / Wagner
Santtu Matias Rouvali (c) Kaapo Kamu
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Rouvali, Benedetti / Sibelius, Bruch
Konzert

Jakub Hrůša, einer der jungen erfolgreichen tschechischen Dirigenten, fühlt dem Einfluss der böhmisch, mährischen Volksmusik auf die Werke seiner Landsleute Antonín Dvořák, Schwiegersohn Josef Suk und auf den fantastisch musikalischen Eigenbrötler Leoš Janáček nach. Und das Beethoven-Jahr 2020 beginnt auch für die Wiener Symphoniker mit einer Großen Beethoven-Akademie anno 1808, deren Länge das Verständnis heutiger Konzertlängen unverändert sprengt.

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Kent Nagano setzt zwischen Jörg Widmann und Johannes Brahms Béla Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“, nach wie vor in ihrer kompositorischen Raffinesse einer der Höhepunkte in der Musik des 20. Jahrhunderts.

Der französische Dirigent Ludovic Morlot wiederum setzt im Zeichen amerikanischer Meilensteine Charles Ives, Leonard Bernsteins „Serenade“ und Aaron Coplands „Appalachian Spring“ auf das Programm.

Johannes Brahms‘ „Ein deutsches Requiem“ wurde in seinem, für manche zu freien Umgang mit dem Bibelwort, kritisiert, brachte jedoch den Durchbruch für den aufstrebenden jungen Komponisten. Es ging ihm weniger um das Fegefeuer, als um Klage und menschlichen Trost.

Alban Bergs Violinkonzert findet mit Frank Peter Zimmermann einen genialen Interpreten, der diesem Meilenstein innerhalb der Violinliteratur Symbolkräftiges abgewinnen wird.

Der russisch-finnische Newcomer Dima Slobodeniouk hingegen übernimmt die Gegenüberstellung zweier, die Grauen des Zweiten Weltkriegs verarbeiteten Werke: Richard Strauss‘ Abgesang „Metamorphosen für 23 Solostreicher“ aus den letzten Kriegstagen 1945 sowie Schostakowitsch‘ Symphonie Nr. 13, welche sich auf das Massaker von Babyn Jahr 1941 bezieht.

Termine:
Robert Trevino (c) Musacchio Ianniello
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Trevino, Kozhukhin / Liszt, Mahler
Philippe Jordan Konzert Musikverein Wien (c) Julia Wesely
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Jordan, Wagner, Vondung, Clayton, Müller-Brachmann, Angelich, Wiener Singakademie / Beethoven
Kent Nagano (c) Antoine Saito
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Nagano, Shaham / Bartók, Brahms
Ludovic Morlot (c) Lisa Marie Mazzucco
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Morlot, Ehnes / Ives, Bernstein, Milhaud, Copland