Karl Böhm und die Wiener Symphoniker

Karl Böhm zum 125. Geburtstag

19.8.2019
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Der am 28. August 1894 geborene Karl Böhm wurde in ein musikliebendes Elternhaus geboren und erhielt, wie damals üblich, Klavierunterricht. Auf den Rat von Franz Schalk studierte der junge Karl Böhm bei Eusebius Mandyczewski (Archivdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde, enger Brahms-Vertrauter) Harmonielehre, Kontrapunkt und Komposition. Außerdem besuchte er musikgeschichtliche Vorlesungen bei Guido Adler und nahm regen Anteil am musikalischen Leben in Wien (Besuche von Aufführungen in der Hofoper, im Musikverein und Konzerthaus). Böhms Ausbildung steht in der Tradition der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, dem Beginn des Zeitalters der musikalischen Interpretation.

Karl Böhms Anschauungen zeigen den Praktiker sowie das hohe Ethos des Interpreten. Das „Wichtigste“ bleibe laut Böhm „immer der Wille des Komponisten und das Werk“. Auch bei der „genauesten Berücksichtigung der Vortragsbezeichnungen“ bleibe „ein gewisser Spielraum für die persönliche Auffassung eines nachschaffenden Künstlers, in dem er sozusagen frei waltet.“

Der Dirigent bestimme „das Tempo, die Agogik, eigentlich die ganze Stimmung“ mit dem Ziel der „authentischen Wiedergabe im Geiste des Schöpfers“.

Als Dirigent benötige man laut Böhm „eine ganz bestimmte Vorstellung von einem Kunstwerk“ und solle „diese bei den Proben den Musikern bis ins kleinste Detail vermitteln“. Man solle genaueste Kenntnis des Werkes besitzen: „zugleich in und über dem Werk stehen“.

Für das Tempo galt der Grundsatz, dass eine musikalische Phrase sangbar sein musste und sich nach dem Herzschlag (Puls) richtete. Das war immer natürlich, logisch entwickelt, dem jeweiligen Charakter der Werke entsprechend.

Karl Böhm bemerkte zu Leonard Bernstein nachdem dieser das Vorspiel zum 1. Akt von Wagners „Tristan und Isolde“ dirigiert hatte:

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„Bernstein, heute habe ich zum ersten Mal wieder Tristan gehört. Die Übergänge stimmen, also sind auch die Tempi richtig.“

Bernstein stellt dazu fest: „ Jedes Tempo, das ein Dirigent fühlt, ist das richtige, wenn es konsequent erreicht wird. Er [Böhm] hörte den Bogen. Stets war Karl Böhm um Unverfälschtheit und Unmittelbarkeit der Musik bemüht.“ Für Böhm war ein exakt geschlagener Auftakt sehr wichtig, der schon das ganze Tempo des Folgenden in sich trug.

Eine weitere wichtige Bedingung für den Interpreten Böhm war die emotionale Anteilnahme: „Dass das Herz in erster Linie beteiligt sein sollte, wäre eigentlich selbstverständlich“.

Böhm wusste in den Konzerten seine Intentionen auch durch Blickkontakt und Suggestion zu übertragen.

Charakteristisch für den Dirigenten Karl Böhm ist seine sparsame, prägnante und klare Zeichengebung, bei musikalischen Höhepunkten pflegte er in die Knie zu gehen und bei Fortissimi den ganzen Körper aufzurichten.

Böhm dazu: „Was den Dirigenten betrifft, so bin ich der Meinung – ob Oper oder Konzertsaal -, dass er nur die Bewegungen machen soll, die notwendig sind, um sich dem Orchester rhythmisch und ausdrucksmäßig mitzuteilen – ein Mehr ist Show“.

Folgende Aussage spricht für Böhms uneitle Berufsauffassung: „Es macht mich glücklich, dass es in der Welt einen Platz gibt, an dem man den Dirigenten nur nach dem Hören und nicht nach dem Sehen beurteilen muss: das Bayreuther Festspielhaus!“ Ein wertvoller Hinweis in unserem optischen Zeitalter wieder zu versuchen, mit den Ohren und nicht mit den Augen hören zu lernen.

Leonard Bernstein hat einmal zu Karl Böhm gesagt: „You have a magic baton.“

Dirigenten Taktstock

Von Böhm ist der für ihn typische Ausspruch überliefert:  „Ich bin ein einfacher Handwerker: Mein Taktstock ist kein Zauberstab, er verzaubert niemanden und soll es auch nicht; verzaubern soll einzig die Musik.“

Karl Böhms Zusammenarbeit mit den Wiener Symphonikern

Am 17. Juli 1935 debütierte Karl Böhm mit den Wiener Symphonikern in den Räumen der damaligen österreichischen Rundfunkanstalt RAVAG.

(Programm: Mozart: Symphonie Nr. 35, D-Dur, KV 385, „Haffner“, Tschaikowsky: Symphonie Nr. 4, Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg – Vorspiel zum 1. Akt).

In den Saisonen 1936/37, 1937/38, 1938/39, 1947/48 und 1948/49 dirigierte Böhm nahezu jeden Monat ein Konzert der Wiener Symphoniker, war also einer der Hauptdirigenten des Orchesters.

Neben Böhms angestimmtem symphonischen Hauptrepertoire – Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Bruckner, Richard Strauss – kann man ein großes ungewöhnliches Repertoire von Barock, Wiener Klassik, Romantik bis zu zeitgenössischen Werken feststellen, die man in der Regel mit Karl Böhm nicht in Verbindung bringt.

Bis zur Gründung der Radiosymphonieorchesters Wien im Jahre 1969 waren die Wiener Symphoniker für die Pflege der zeitgenössischen Musik allein verantwortlich. Die Konzerte mit Karl Böhm nahmen sich auch der Pflege des zeitgenössischen Repertoires an, das  sich in Ur- und Erstaufführungen in den Konzerten der Wiener Symphoniker niederschlug.

Anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Wiener Symphoniker (1960) charakterisierte Böhm das Orchester:

„In vielen Stunden gemeinsamen Musizierens habe ich die hohen Qualitäten dieser Körperschaft kennen- und schätzen gelernt: ihre Homogenität, ihre Disziplin, ihre österreichische Klangseligkeit und, last not least, die unwahrscheinliche Schnelligkeit, mit der sie schwierigste moderne Werke vom Blatt lesen und in sich aufzunehmen vermag.“

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Im Folgenden eine kleine Auswahl des ungewöhnlichen Repertoires Böhms: Uraufführungen: u.a. Gottfried von Einem: Orchestermusik Nr. 1(1948), Goffredo Petrassi: Don Quichote, Suite nach dem Ballett (1949), Karl Schiske: Vom Tode, Wolf-Ferrari: Divertimento D-Dur

Böhms Grundsatz bei der Auswahl war, dass er nicht „selbst hundertprozentig von dem Werk überzeugt sein“ müsse, „sondern von dem Gefühl: Hier kündigt sich eine Entwicklung an, die man dem Publikum aufzeigen muss, denn sonst wird es, wenn eines Tages der neue Messias der Musik kommt, auf den wir immer warten, ihn, der es ohnehin schwer genug haben wird, überhaupt nicht verstehen.“

Österreichische Erstaufführungen: u.a. Jacques Ibert: Ouverture des fetes, Ernst Krenek: Symphonie 4 (1947), Pfitzner: Cellokonzert G-Dur, Karl Schiske: Symphonie 2 (1948)

Ungewöhnliches Repertoire: u.a. Johann Sebastian Bach: Johannes-, Matthäus-Passion, Ludwig van Beethoven: Missa solemnis, Tripelkonzert, Johannes Brahms: Deutsches Requiem, Anton Bruckner: Messe Nr. 2, e-Moll, Debussy: Nocturnes, Antonin Dvorak: Symphonie Nr. 8, Honegger: Pastoral d'été, Franz Liszt: „Ungarische Fantasie“ für Klavier und Orchester, Modest Mussorgsky: Eine Nacht auf dem kahlen Berge, Pfitzner: Duo für Violine und Cello, Sergej Prokofjew: Russische Ostern,  Robert Schumann: Violinkonzert d-Moll, Igor Strawinsky: Capriccio für Klavier und Orchester, Giuseppe Verdi: Requiem

Neben den vielen hochstehenden Aufführungen von Böhms Stammrepertoire sei im Folgenden auf einige ungewöhnliche Aufführungen hingewiesen.

Die von den Wiener Symphonikern uraufgeführte 4. Symphonie Franz Schmidts (10.1.1934, Oswald Kabasta) wurde von Böhm am 7. und 8. Februar 1939 im Wiener Konzerthaus aufgeführt (übriges Programm: Joseph Marx: Klavierkonzert Nr. 1, Romantisches Konzert Nr. 1 E-Dur, Pianist: Friedrich Wührer, Egon Kornauth: Orchestersuite Nr. 4, Uraufführung). In einer Kritik wird neben Böhms Dirigat das Cellosolo des Musikers Nikolaus Hübner „mit seinem edlen, schlanken Ton“ hervorgehoben.

Anlässlich des 80. Geburtstages von Richard Strauss (11. Juni) dirigierte Karl Böhm am 14. Juni 1944 im Wiener Konzerthaus ein Festkonzert mit Werken des Jubilars: „Don Juan“, Lieder: Cäcilie, Winterliebe, Liebeshymnus, Gesang der Apollopriesterin, Solistin: Hilde Konetzni, „Ein Heldenleben“. Auf persönliche Einladung Böhms wohnte der Komponisten dem Konzert bei und zeigte sich vom Konzert sehr angetan.

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Am 26. Juni 1947 spielten die Wiener Symphoniker im Konzerthaus eine Uraufführung von Richard Strauss: die symphonische Fantasie zur „Frau ohne Schatten“ (übriges Programm: Mozart: Symphonie Nr. 35, KV 385, „Haffner-Symphonie“, Klavierkonzert: Nr. 27, KV 595, Pianist: Adrian Aeschbacher, Richard Strauss: „Till Eulenspiegels lustige Streiche“). Die Kritiken bestätigen Böhms Affinität zu Mozart und Richard Strauss, er hätte bei Mozart „Leichtigkeit“ und bei Strauss die „Orchestermassen“ (Neues Österreich, 1. Juli 1947, S. 7) zu entfesseln verstanden. Bei der symphonischen Fantasie wurden die Orchestermitglieder Anton Fietz (Geige), Nikolaus Hübner (Cello), Kamillo Wanausek (Flöte) und Franz Koch (Horn) lobend erwähnt.

Die Erstaufführung von Igor Strawinskys Violinkonzert in Wien fand am 25. April1948 im Wiener Konzerthaus durch Arthur Grumiaux mit den Wiener Symphonikern unter Karl Böhm statt. Das umfangreiche Programm umfasste noch die 5. Symphonie von Anton Bruckner. Max Graf (Weltpresse, 27. April 1948) lobt den Solisten für die zum Werk passende „faszinierende Sachlichkeit“ und die vom Dirigenten erzielte „Leichtigkeit und Brillanz“ des Orchesters.

Am 20. und 21. Oktober 1948 leitete Karl Böhm zwei Orchesterwerke mit großer Besetzung, nämlich Respighis „Vetrate di chiesa“ und die „Alpensinfonie“ von Richard Strauss.

Heinrich Kralik (Presse, 22.10.1948) stellte fest, dass der Dirigent „seine Aufmerksamkeit hingebungsvoll auf den inneren Sinn der Musik, auf ihren seelischen Schwung, auf die Intensität und Gewalt ihres Ausdrucks“ gerichtet hatte. Das Orchester wäre ihm begeistert gefolgt und hätte „berauschenden Streicherklang und Meisterleistungen“ bei den Bläsern geboten.

 

 

 

Konzert Haus

Zum 50. Todestag von Johann Strauss Sohn veranstalteten die Wiener Symphoniker am 2. Jänner 1949 im Konzerthaus ein Konzert mit Werken von Richard und Johann Strauss:

Richard Strauss: „Till Eulenspiegels lustige Streiche“, „Der Rosenkavalier“: erste und zweite Walzerfolge (Österreichische Erstaufführung),J. Strauss Sohn: Ouvertüre zu„Indigo und die 40 Räuber“, „Rosen aus dem Süden“, Josef Strauss: „Dorfschwalben aus Österreich“ (Arrangement: Julius Lehnert) op. 164, JohannStraussSohn: „Neue Pizzicato-Polka“, „Persischer Marsch“, „Frühlingsstimmen-Walzer“, „Perpetuum mobile“, Ouvertüre zu „Die Fledermaus“

In der„Presse“(5. Jänner 1949) wird bemerkt, dass Böhm neben Clemens Krauss, einer der von Richard Strauss bevorzugten authentischen Interpreten sei. Er habe sowohl bei Richard als auch bei den Werken von Johann und Josef Strauss die „gleiche Beschwingtheit“ an den Tag gelegt, dass man von einer idealen Interpretation sprechen könne. Das Orchester und Wilma Lipp („Dorfschwalben in Österreich“, „Frühlingsstimmen“) werden für ihre Mitwirkung sehr gelobt.

Am 27. Mai 1952 fand im Wiener Konzerthaus ein besonderes Konzert statt. Jean Cocteau trat in der Rolle des Erzählers von Igor Strawinskys „Ödipus Rex“ auf, das er selbst mit dem Komponisten geschaffen hatte. Karl Böhms Dirigat wird „opernhafte Eindringlichkeit“ attestiert. Cocteaus Rezitation wird als „großes, ewiges Theater, das keine nationalen Grenzen kennt“ beschrieben. (Neues Österreich, 29. Mai 1952). Erik Werba (Wiener Zeitung, 1. Juni 1952) bemerkt, dass Cocteau als Schauspieler zu „fesseln“ wusste.

Karl Böhm sei der „richtige Dirigent für solche Musik. Seine Leitung verbürgt Werkklarheit und Präzision.“ Allen übrigen Mitwirkenden wird uneingeschränktes Lob ausgesprochen.

Vor der Pause sang Böhms Ehefrau Thea Linhard-Böhm eine der Sopranpartien bei Johann Sebastian Bachs „Magnificat“. 

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Am 9. Juni 1962 fand im Theater an der Wien durch Karl Böhm und die Wiener Symphoniker eine Aufführung statt, die Musikgeschichte schrieb.

Alban Bergs „Lulu“ (Entstehung: 1928-35) erlebte in Wien ihre szenische Erstaufführung. Diese war für den Dirigenten eine Herzensangelegenheit, hatte er doch die Entstehung des Werkes miterlebt. Böhm hatte den Komponisten zur Entstehungszeit des Werkes in Kärnten getroffen: „Dort hat er mir, als einem der ersten, den ersten Akt seiner Lulu-Partitur gezeigt; er erklärte mir, warum er diese Partie für einen Koloratursopran schrieb. Die Kälte der Frau, die nicht weiß, warum sie auf die Männer so anziehend wirkt, wollte er zeigen, nicht nur die Canaille, wie man sie auf der Bühne so oft zu sehen bekommt.“

Für Böhm war die zweiaktige Fassung die gültige. Laut Böhm hätte sich „Bergs geniale Begabung als Dramatiker schon im Aufspüren und der Wahl der Stoffe“ gezeigt.

Der Dirigent war aufgrund einer Augenoperation gezwungen die Partitur in einem Jahr auswendig zu lernen. Noch dazu war zur Zeit der Aufführung Böhms Frau lebensgefährlich erkrankt, sodass er ständig zwischen Wien und München pendelte.

Für diese Produktion konnte Böhm sein Ideal eines Ensembles bei Sängern und Orchester wieder einmal verwirklichen. Klavierproben mit den Sängern waren eine Voraussetzung, ein Operndirigent muss nach Böhm Korrepetitor gewesen sein. Die „Wortdeutlichkeit“ sei „oberstes Gesetz“. Zur speziellen Mimik des Operndirigierens meinte er: „Natürlich wird sich der Gesichtsausdruck des Dirigenten zwangsläufig verändern, je nachdem, ob er eine lyrische oder eine dramatische Stelle dirigiert. Als Dirigent einer Oper beispielsweise muss ich ja alles, was auf der Bühne und im Orchester vorgeht, in einer Person miterleben.“    

Brucknerring der Wiener Symphoniker

Der Dirigent war „sehr stolz“ auf die Produktion, das Orchester hätte sich ganz vortrefflich bewährt. Aufgrund des großen Erfolges wurde die Produktion im darauffolgenden Jahr wiederholt. In Anerkennung seiner Leistung erhielt Karl Böhm den Brucknerring der Wiener Symphoniker „für besondere Verdienste um die Musik.“ 

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Heinrich Kralik stellt in der „Presse“ (12. Juni 1962, S. 7) fest, dass der Dirigent „über alles Lob erhaben“ sei und ist begeistert darüber „zu welcher Virtuosität in Stil und Vortrag er das Symphonikerorchester geführt hat.“

Norbert Tschulik (Wiener Zeitung, 13. Juni 1962) :„Karl Böhm, dem die in Sachen Moderne besonders zuständigen Wiener Symphoniker assistierten, gibt der musikalischen Darbietung alle Spannung und arbeitet alle nur erdenklichen klanglichen Effekte heraus. Otto Schenks Inszenierung gelingt es, aus Sängern auch Schauspieler zu machen“, die Aufführung sei „ein Theaterereignis ersten Ranges“.

Karl Löbl (Express, 12. Juni 1962) lobt besonders das Orchester: „Warmer, flexibler Streicherklang, präzise Bläser, ideale Mischung der Gruppen – es war begeisternd!“

Der „Neue Kurier“ stellt fest, dass Karl Böhm „seit eh und je ein Wegbereiter der neuen und unbequemen Musik“ war.

Die Sänger der Hauptpartien Evelyn Lear (Lulu) und Paul Schöffler (Dr. Schön) werden besonders hervorgehoben.

Die epochale Aufführung ist als DVD erhältlich.  

Am 18. und 19.10.1962 leitete Karl Böhm anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens der Wiener Konzerthausgesellschaft im Wiener Konzerthaus das Programm des Eröffnungskonzertes (19. Oktober 1913): Richard Strauss: „Festliches Präludium“, Beethoven: Symphonie Nr. 9. Böhm hatte das Eröffungskonzert am 19. Oktober 1913 mit demselben Programm (Ferdinand Löwe, Wiener Symphoniker) als Student miterlebt.

Zum 100. Geburtstag von Richard Strauss am 11. Juni 1964 hielt Karl Böhm einen Festvortrag im Großen Musikvereinssaal. Anschließend führte er mit den Wiener Symphonikern des Komponisten symphonische Dichtung „Tod und Verklärung“ auf.

Am 24. Mai 1964 erfüllte sich ein weiterer Herzenswunsch des Dirigenten: er dirigierte im Theater an der Wien die ihm gewidmete „Daphne“ von Richard Strauss.

Der Komponist hatte am 17. Dezember 1937 an Böhm geschrieben, er arbeite „fleißig an Daphne, die Ihnen gewidmet sein wird, was Ihnen hoffentlich schon heute eine kleine Weihnachtsfreude sein wird!“ Böhm antwortete am 21. Dezember 1937: „Ich bin stolz und beglückt zugleich, dass mich der größte Komponist für würdig befunden hat.“ Die Partitur trägt die Widmung: „Meinem Freunde Dr. Böhm gewidmet.“

Nach den Proben zur Uraufführung schrieb Böhm an Strauss am 13. September 1938, dass die Oper „ein Meisterwerk ohnegleichen und ein klangliches Wunder darstellt.“ Als Interpret seiner Werke wurde Böhm von Strauss sehr geschätzt: „Ich glaube, Sie sind sich selbst gar nicht so recht bewußt, mit wie wenigen Dirigenten ersten Ranges Sie gerade Strausserfolge zu teilen haben.

Böhm ein „erstklassiger Straussinterpret“

Von der Generalprobe zur Uraufführung 1938 in Dresden berichtet der Dirigent:„

Hinter mir saß nicht Richard Strauss, sondern seine Frau. Und als ich den Taktstock hinlegte – die Verwandlungsmusik liebte Pauline vor allem -, nahm sie meinen Kopf zwischen ihre Hände, gab mir ein Busserl und sagte: „Ein zweites Busserl kriegen’s jetzt nicht, jetzt schwitzen’s mir zuviel.“

Heinrich Kralik (Presse, 26. Mai 1964, S. 6) bezeichnet Böhm „als dessen berufensten Interpreten“:„Wenn er die Noten der Partitur zum Leben erweckt, sagt man sich, daß sie gar nicht schöner und poetischer klingen können, nicht rauschender, nicht feiner, nicht subtiler."

Norbert Tschulik (Wiener Zeitung, 26. Mai 1964, S. 5) bezeichnet Böhm als „authentischen Sachwalter“. Man habe Böhm „für die im Idyllischen wie im Dramatischen richtig abschattierte, von künstlerischem Leben erfüllte Interpretation herzlich“ zu danken, seine Interpretation „vollkommen“.

Von der hochrangigen Sängerbesetzung werden werden besonders Hilde Güden (Daphne), Paul Schöffler (Peneios), Fritz Wunderlich (Leukippos) und James King (Apollo) hervorgehoben.

Die außerordentliche Aufführung wurde mitgeschnitten und erschien zunächst als Schallplatte und später als CD.

Weitere bedeutende Aufnahmen der Wiener Symphoniker mit Karl Böhm: Joseph Haydn: Die Jahreszeiten (Gundula Janowitz, Peter Schreier, Martti Talvela, Wiener Singverein, Deutsche Grammophon), Mozart: Le nozze di Figaro (Sena Jurinac, Paul Schöffler, Walter Berry, Philips).

Im Jahre 1981 sollte sich der Ausspruch Karl Böhms bewahrheiten: „Wenn ich einmal nicht mehr Diener der Musik sein kann, nicht mehr dirigieren kann, möchte ich von dieser Welt abtreten.“ Der bedeutende Musiker verstarb am 14. August in Salzburg.