Wien Modern

Abschlusskonzert

18.11.2019
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Das Nichts, Gott, das Universum und ein sprechendes Orchester

Aus dem Nichts nimmt das Abschlusskonzert von Wien Modern seinen Anfang, dem Festivalthema „Wachstum“ musikalisch auf der Spur: Beginnend mit einem leisen Hauch, lassen Soloklarinette, Orchester und Live-Elektronik Atemzug um Atemzug eine Art Lebewesen entstehen. Zart und organisch nimmt eines der erstaunlichsten Klarinettenkonzerte der Musikgeschichte allmählich Formen an. Für die Interpretation des feinst dosierten Soloparts sorgt der Ausnahmemusiker Jörg Widmann, der sich die außergewöhnliche, extrem reduzierte, doch hochexpressive Klangsprache seines Komponistenkollegen Mark Andre in langer Zusammenarbeit besonders zu eigen gemacht hat. Über den 1964 in Paris geborenen Komponisten, der die Kunst des subtilen Klangzaubers auch bei Helmut Lachenmann gelernt hat, schrieb die Berliner Zeitung 2018: „Mark Andre greift mit einer solchen Intensität nach der Stille, dass einem die Ohren zu platzen drohen“. Tatsächlich ist der Hintergrund der wunderschönen, lupenfeinen, fragilen Klangrede durchaus von gewaltigen Dimensionen: Der tief gläubige Mark Andre vertont hier nichts Geringeres als seine Vision des Segens Gottes. Der Titel über bezieht sich auf das Vierte Buch Moses (6/24–26) – „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

„Der Gedanke, dass unsere Erde ein kleiner Mitfahrer des endlos großen, kosmischen Karussells ist“, stand am Anfang des raumgreifenden Orgelkonzerts von Peter Eötvös: „Beim Flug von Gagarin war ich gerade 17. Zum ersten Mal habe ich erfahren, dass die Sterne und der Mond, nicht ‚oben am Himmel‘ sind, sondern außerhalb unseres Planeten. Es war so tiefes Erlebnis, dass ich meine Vorstellungen in einem Klavierstück verewigen musste.“ 56 Jahre nach dem 1961 entstandenen Opus 1 mit dem Titel Kosmos komponierte der langjährige Wegbegleiter von Stockhausen und Boulez sein Multiversum, das eine durchaus maximalistische Annäherung an das Genre Orgelkonzert darstellt.

Die Aufstellung des Orchesters in isolierten Gruppen, die auch hinter dem Publikum erklingende Hammond-Orgel und die im Saal verteilten Lautsprecher bringen ein Echo der räumlichen Konstellation des Weltalls ins Wiener Konzerthaus: „Die Position der Orgel ist in jedem Konzertsaal gegeben, meistens frontal. Das Weltall ist aber überall, im Konzertsaal sollte ein Klang auch hinter uns sein.“ (Peter Eötvos)

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Konzert

In unmittelbarer Nachbarschaft zweier so weltumspannender Kompositionen schafft das kürzeste Werk des Abends das Kunststück, extrem unspektakulär und gleichzeitig extrem spektakulär zu sein, extrem virtuos sowie extrem antivirtuos.

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Das Bauprinzip des 2011 entstandenen Werks ist so einfach wie frappierend: Die beiden Worte des Titels – Wachstum, Massenmord – wurden vom Komponisten gesprochen, aufgenommen, einer Frequenzanalyse unterzogen und für großes Orchester instrumentiert. Die Wiener Symphoniker werden also erstmals in ihrer Geschichte tatsächlich als Orchester gemeinsam „sprechen“ – dank eines der ungewöhnlichsten Komponisten Österreichs: Peter Ablinger. Dessen 60. Geburtstag im Jahr 2019 ist Anlass für Wien Modern, vom Eröffnungskonzert am 31. Oktober bis zum Abschlusskonzert in Wien mehrere große Ur- und Erstaufführungen zu präsentieren. Eine Art akustischer Kippeffekt zwischen Reduktion und Dichte sowie die nicht zuletzt in Wien noch immer ungewohnte konzeptuelle Radikalität machen Peter Ablingers Musik einzigartig. Wachstum, Massenmord verbindet ein spieltechnisch herausforderndes Experiment für das Orchester und seinen Dirigenten, eine unvergleichliche Hörerfahrung für das Publikum und ein künstlerisches Statement zur Gegenwart: „Wie nahe wir an die Welt herankommen, hängt gewissermaßen von der Pixelgröße unseres Wahrnehmungsapparates ab. Eine ‚hohe Auflösung‘ bedeutet ein realistisches Weltverständnis, eine geringere Auflösung dagegen ein abstraktes Verhältnis zur Wirklichkeit. Aber wie fein die Auflösung auch immer sein wird, niemals wird unsere Wahrnehmung analog werden, niemals die Welt erreichen.“ (Peter Ablinger)

www.wienmodern.at

 

Konzert Termin: 

Leo Hussain (c) PiaClodi
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Hussain, Widmann, Apkalna, SWR Experimentalstudio / Ablinger, Andre, Eötvös