Konzertprogramm · Fest der Freude 2018 · Wien

8. Mai 2018 · Heldenplatz Wien

23.4.2018
Konzertprogramm 2018 · Heldenplatz Wien

Kurt Schwertsik Konzertprogramm Fest der Freude

Das Konzertprogramm beim diesjährigen Fest der Freude ist von mehreren Schwerpunkten geprägt: Einerseits das 80-jährige Gedenken an 1938, das Jahr des Anschlusses, andererseits Bernstein und dessen 100. Geburtstag, außerdem der israelische Dirigent Lahav Shani, der soeben zum designierten Chefdirigenten des Israel Philharmonic Orchestra ernannt wurde, und nicht zuletzt Geiger Julian Rachlin, der einer jüdischen Familie aus Vilnius entstammt.

Eröffnet wird das Konzertprogramm, wie auch im letzten Jahr, mit der Fanfare „Here & Now“ von Kurt Schwertsik, die der Komponist eigens für diesen Anlass komponierte und beim Fest der Freude 2017 in Wien uraufgeführt wurde.

Herzstück des Konzertprogramms sind Werke jüdischer Komponisten

Wohl naheliegend ist in diesem Kontext der Wunsch Lahav Shanis nach zwei Werken zweier großer jüdischer Komponisten, die das Herzstück des Konzertprogramms bilden:

Baal Shem für Violine und Orchester · Ernst Bloch

Zum einen Baal Shem für Violine und Orchester von Ernest Bloch, der zu Lebzeiten und bis heute in Amerika als Komponist große Anerkennung fand, dessen Musik in Europa jedoch nahezu in Vergessenheit geriet. Bloch bezeichnete sich selbst „weder als Atheisten noch als Gläubigen“, jedoch interessierte und faszinierte ihn die „jüdische Seele, die dunkle, glühende, erregte Seele“, deren Beben er in der Bibel zu spüren meinte. Unverkennbar sind auch die stark jüdischen Bezüge im 1923 komponierten Baal Shem, das Bloch „in Erinnerung an meine Mutter“ schrieb. 

Der Titel bezieht sich auf Rabbi Israel ben Eliezer, den Begründer des Chassidismus, den man als „Baal Shem Tov“ (Wunderwirker oder wörtlich „Herr des guten Namens [Gottes]“) kennt. Der charismatische Visionär lebte zur Zeit Johann Sebastian Bachs und glaubte wie dieser daran, dass sich durch Gesang und Tanz eine spirituelle Verbindung mit Gott erreichen ließe. 
Das Werk eröffnet Einblicke in drei Stationen jüdischen Lebens:

  • Zuerst Vidui, das jüdische Bekenntnis, das auf dem Sterbebett rezitiert wird und um Vergebung aller Sünden bittet.
  • Simchat Torah, der dritte Teil, meint die Feier am Ende des einwöchigen Laubhüttenfests.
  • Nigun, zwischen die beiden Teile eingebettet, bedeutet „Melodie“ und bildet den expressiven Höhepunkt des Werks.

In der Kaballah, der jüdischen Mystik, kann ein Mensch durch eine Melodie auf eine transzendente Ebene erhoben werden und Sphären verborgenen Wissens erreichen. Das Singen, vor allem der Gesang am Sabbath, ist ein integraler Aspekt der chassidischen Anbetung. Bloch lässt hier die Violine einen zutiefst ausdrucksstarken Gesang anstimmen, der sich zu einem religiös-ekstatischen Höhepunkt steigert, bevor er langsam verklingt.

Chichester Psalms · Leonard Bernstein

Konzertprogramm Fest der Freude Leonard Bernstein (c) Jack Mitchell

Die Chichester Psalms sind ein dreiteiliges Chorwerk für Knabensolo, Soloquartett, gemischten Knabenchor und Orchester des amerikanischen Komponisten Leonard Bernstein (1918–1990) auf hebräische Psalmentexte. Bernstein komponierte das Werk im Frühjahr 1965 im Auftrag von Walter Hussey, dem Dekan der Kathedrale von Chichester. Es sollte auf dem Southern Cathedrals Festival aufgeführt werden, das im jährlichen Wechsel an den Kathedralen von Chichester, Salisbury und Winchester in Südengland stattfindet.

Konzert

Wiener Sängerknabe · Konzertchor Wien

Bernstein nimmt hier so deutlich wie in kaum einem anderen seiner Werke Bezug auf seine jüdische Herkunft und Religion. Dem Werk liegt ein positiver, zuversichtlicher Charakter zugrunde; Bernstein ließ kompositorisches Material aus einem nie vollendeten Musical einfließen, spielt jedoch gleichzeitig mit dem Spannungsfeld von Tonalität und Atonalität. 
Singen wird neben einem Wiener Sängerknaben, der das Knabensolo übernimmt, der Konzertchor Wien, ein gemischter Laienchor, der sich wiederum aus drei Kammerchören - „Chor im Hemd“, „KAMMERToN“, und „Ensemble aCHORd“ - zusammensetzt (Chorleitung: Florian Schwarz und Andreas Salzbrunn). Die rhythmisch komplexe und stimmlich sehr anspruchsvolle Chorpartie wurde von Bernstein bei diesem Auftragswerk ursprünglich erstaunlicherweise ebenfalls für einen Laienchor komponiert, den Chor der Kathedrale von Chichester.

Shmuel Barzilai · Oberkantor der Israelitischen Kultusgemeinde

Unterstützung in der hebräischen Aussprache bekommt der Konzertchor Wien von Shmuel Barzilai, Oberkantor der Israelitischen Kultusgemeinde. In seiner Funktion als Oberkantor tritt der Tenor nicht nur im Rahmen von Gottesdiensten der jüdischen Gemeinde, sondern auch bei Konzerten in den bedeutendsten Konzerthäusern der Welt, unter anderem im Wiener Musikverein, im Wiener Konzerthaus, am Prinzregententheater München, am Jerusalem Theater, in den USA oder in Australien auf. 

Waltz. Allegretto, con grazia · Leonard Bernstein

Der „Waltz“ entstammt Leonard Bernsteins „Divertimento for Orchestra“, eine Komposition für großes Symphonieorchester, die 1980 als Auftragskomposition für die 100-Jahr-Feier des Boston Symphony Orchestra entstand. Das Stück ist gleichsam eine Hommage an das Orchester und an die Stadt Boston, in der Bernstein aufgewachsen war.
Das Werk besteht aus acht äußerst kurzen Sätzen, durch die sich die Tonfolge H-C, auf Englisch „B-C“ für Boston Centanary (Hundertjahrfeier) zieht. Die einzelnen Sätze beinhalten eine Vielzahl von Stilen von amerikanischer Popularmusik zu sinfonischem Repertoire verschiedener Epochen und sind mit zahlreichen Einzel- und Gruppensoli durchsetzt. 
Der besonders bekannte Waltz – Allegretto, con grazia steht, sehr unüblich für einen Walzer, im 7/8-Takt. Die Idee entstammt dem Walzer in Tschaikowskis 6. Sinfonie, der im 5/4-Takt steht. Die schöne, ruhige Melodie wird nur von den Streichern, angeführt von einem Solo-Streichquartett vorgetragen.

Violinkonzert D-Dur · Pjiotr Iljitsch Tschaikowski

Konzertprogramm Fest der Freude Pjiotr Iljitsch Tschaikowski

Pjiotr Iljitsch Tschaikowski komponierte in beglücktem Schaffensrausch innerhalb weniger Wochen zu Beginn des Jahres 1878 sein Violinkonzert D-Dur op. 35, das zu den meistgespielten weltweit gehören wird. Gleichwohl fielen die Reaktionen des Publikums bei der Uraufführung 1881 in Wien gemischt aus: Das wild phantastische Violinkonzert teilte das Publikum für und gegen diese originelle Schöpfung. Zu den Gegnern zählte der berühmt-berüchtigte Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick, den der Finalsatz zur Spekulation hinreißen ließ, ob es Musikstücke gäbe, die man "stinken hört". Tschaikowski und der Solist der Uraufführung Adolph Brodsky ließen sich jedenfalls von derlei Missgunst nicht beeindrucken. Bereits im Folgejahr 1882 brachte der Uraufführungsgeiger den ersten Satz in Leipzig zu Gehör. Kurze Zeit später war sich die Musikwelt einig, dass das Werk zu den großen Violinkonzerten des Jahrhunderts zählt.
Über den zweiten Satz, der vom melancholischen Spiel der Violine geprägt ist, schrieb seine Mäzenin und Brieffreundin Nadeschda von Meck an ihn: »Die Canzonetta ist geradezu herrlich. Wie viel Poesie, welche Sehnsucht und tiefe Traurigkeit in diesen sons voilés, den geheimnisvollen Tönen!«
Das attacca subito des dritten Satzes unterbricht plötzlich die Schwermut des Vorgängersatzes und führt zu den zwei beschwingten Hauptthemen des Finalsatzes.

Ouvertüre zur Operette "Candide" · Leonard Bernstein

Eines der nach wie vor meistgespielten Werke Bernsteins ist die Ouvertüre zu seiner Operette Candide.
Nicht ohne Grund - Die fanfarenartigen, rhythmisch komplexen Bläserriffs zu Beginn oder die Melodie im schwerelosen 7er-Rhythmus sind unvergleichlich.

Ode an die Freude · Ludwig van Beethoven

Die schon zur Tradition gewordene Zugabe bildet auch dieses Jahr den Abschluss des Konzertprogramms am Heldenplatz in Wien: Das gemeinsame Singen der Ode an die Freude aus dem Finalsatz von Ludwig van Beethovens 9. Symphonie.

Fest der Freude (c) Andy Wenzel
Wiener Heldenplatz
Shani, Rachlin, Konzertchor Wien / Fest der Freude
Fest der Freude (c) Andy Wenzel
Open-Air-Konzert · 8. Mai
Fest der Freude