Saisonrückblick 2019–20

Eine außergewöhnliche Spielzeit geht zu Ende

15.7.2020

Saisonrückblick 2019–20

Mit einem großen Open-Air-Konzert mit viel Prominenz aus Politik, Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft im neu gestalteten Arkadenhof des Wiener Rathauses ging vergangene Woche eine wahrlich außergewöhnliche Saison für uns zu Ende. Immerhin knapp die Hälfte der über 160 programmierten Konzerte konnte planmäßig stattfinden, bis Mitte März 2020 auch bei uns das Weltgeschehen eine beispiellose Vollbremsung des Spielbetriebs einforderte. Nach den Wochen und Monaten der tosenden Stille durften wir ab Juni schließlich endlich die Wiederaufnahme des Konzertwesens feiern, und das musikhungrige Wiener Publikum dabei in über 20 neu auf die Beine gestellten Konzerten wieder in den so schmerzlich vermissten Genuss von Live-Musik bringen.  

Die Erfahrungen der jüngsten Zeit lassen uns mit umso größerer Dankbarkeit auf die vielfältigen und ambitionierten Projekte zurückblicken, die 2019–20 verwirklicht werden konnten. Nach den vormaligen Schwerpunkten auf Bach und Berlioz rückten in der 119. Spielzeit der Wiener Symphoniker zwei weitere große B’s der Musikgeschichte ins Zentrum: Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms. Unter der Leitung von Philippe Jordan, der 2019–20 seine sechste und letzte Saison als Chefdirigent der Wiener Symphoniker gestaltete, machte sich das Orchester ab dem Sommer daran, die vier Brahms‘schen Symphonien neu zu vermessen. Der Brahms-Zyklus steht nicht nur am Beginn, sondern gewissermaßen auch am Ende dieser besonderen Spielzeit: In Kürze sind die im Herbst 2019 bei umjubelten Konzerten im Wiener Musikverein entstandenen Aufnahmen auf CD erhältlich.


Ein weiterer Höhepunkt in der Auseinandersetzung mit dem Werk des großen Romantikers folgte im Oktober, als für die beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms unser Artist in Residence 2019–20, der amerikanische Ausnahmepianist Yefim Bronfman, am Podium Platz nahm. Am Dirigentenpult stand dabei neben Philippe Jordan mit dem Ersten Gastdirigenten Lahav Shani ein weiterer zentraler künstlerischer Weggefährte des Orchesters. In der Spielzeit 2019–20 leitete Shani das Orchester ganze zwölfmal mit vier verschiedenen Programmen. Auch bei zwei der insgesamt sechs verwirklichten Konzerte für Schülerinnen und Schüler stand er am Podium. Die Schulkonzerte sind ein Teil der vielfältigen Vermittlungsprojekte der Wiener Symphoniker, mit denen auch in der zurückliegenden Spielzeit fast 6000 junge Menschen erreicht werden konnten.

Beethovens Neunte Symphonie läutete bei den traditionellen Konzerten zum Jahreswechsel heuer gleichzeitig auch das Beethoven-Jahr 2020 ein, auf das sich die Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan seit 2017 akribisch vorbereitet haben. Das Resultat der gemeinsamen „Road to Beethoven“ war unter anderem die Ende 2019 veröffentlichte preisgekrönte Gesamteinspielung der neun Symphonien, die gefeierte Rekonstruktion von Beethovens „Musikalischer Akademie“ von 1808, und zwei Tourneen, die das Orchester im Jänner 2020 nach Deutschland, Ungarn, Kroatien und Frankreich führten. Gemeinsam mit Rudolf Buchbinder trugen die Wiener Symphoniker damit die fünf Klavierkonzerte des großen Wahlwieners ebenso in die Welt wie seine Symphonien unter der Leitung von Philippe Jordan.

Das abrupte vorläufige Ende der Spielzeit Mitte März fiel Mitten in die Schlussproben eines weiteren Höhepunktes des Beethoven-Jahrs: „Fidelio“ im Theater an der Wien unter der Leitung von Manfred Honeck und inszeniert von Hollywood-Star Christoph Waltz konnte nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufgezeichnet werden. Als schließlich am 15. Mai das Veranstaltungsverbot per 1. Juni aufgehoben wurde, liefen die Vorbereitungen für ein neues Konzertprogramm für den Sommer 2020 auf Hochtouren. Und so spielten die Wiener Symphoniker auch im Juni und Juli bei mehr als 20 Gelegenheiten, um dem musikhungrigen Wiener Publikum endlich wieder das durch nichts zu ersetzende Erlebnis von Live-Konzerten zu schenken.

Bevor wir im Herbst 2020 mit dem neuen Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada voller neuer Ideen und Pläne hoffnungsvoll in die 120. Spielzeit starten, folgen Ende August die letzten Konzerte dieser so außergewöhnlichen Saison 2019–20. Im Rahmen der Bregenzer Festtage wird am 22. August jenes Programm vorgestellt, mit dem sich Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker nach sechs prägenden und beglückenden Jahren voneinander verabschieden, und das in Folge auch im Wiener Konzerthaus und beim Festival Grafenegg zu erleben sein wird: „Till Eulenspiegels lustige Streiche“, „Don Juan“ sowie die „Rosenkavalier-Suite“ von Richard Strauss. In Grafenegg werden die Wiener Symphoniker am letzten August-Wochenende zudem noch mit zwei weiteren ausgewählten Konzert-Programmen zu erleben sein. Den Anfang der dreitägigen Orchesterresidenz, den ersten Konzerten der Wiener Symphoniker in Grafenegg überhaupt, machen am 28. August Manfred Honeck und Rudolf Buchbinder mit Werken von Gershwin und Dvořák, tags darauf ist Philippe Jordan mit Richard Strauss zu erleben, und am 30. August entführen Anna Netrebko und Yusif Eyvazov unter der kundigen Leitung von Speranza Scappucci in die leidenschaftliche Welt der Oper.

Wir blicken voll Dankbarkeit und Zuversicht, wieder gemeinsam auf der Bühne musizieren zu können, diesen Konzerten entgegen. Dankbar sind wir aber auch unserem Publikum für seine Treue, Unterstützung und die vielen aufmunternden Botschaften der letzten Monate. Wir wünschen allen einen möglichst erholsamen und frohen Sommer und freuen uns auf ein Wiedersehen und -hören im späten August.