Nordische Farbenspiele & Wiener Sinnlichkeit

Brahms aus Konzertmeisterinnen-Sicht

10.7.2020
Nordische Farbenspiele     und Wiener Sinnlichkeit

Brahms aus Konzertmeisterinnen-Sicht

Ein Gespräch mit unserer Ersten Konzertmeisterin Sophie Heinrich über den nordischen und den südlichen Brahms, die Besonderheit des Wiener Klangs und die gemeinsame Arbeit mit Philippe Jordan an dem Zyklus der vier Brahms-Symphonien, der kürzlich auf CD erschienen sind.

Wie haben Sie die CD-Aufnahme der Brahms-Symphonien mit den Wiener Symphonikern und Philippe Jordan letzten Herbst erlebt und wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Die Aufnahme aller vier Symphonien von Brahms war eine aufregende und beglückende Aufgabe – und ein Marathon. Als eines meiner ersten Projekte als Konzertmeisterin der Wiener Symphoniker war es auch so etwas wie meine Feuertaufe! Ich habe mich eine Zeit lang in jedem freien Moment, den mir mein Leben zwischen Umzug und anderen musikalischen Verpflichtungen gelassen hat, mit Brahms beschäftigt: Da war zum einen natürlich die instrumentale Vorbereitung, denn die Spielanforderungen der Werke sind ja beachtlich. Andererseits habe ich in Brahms‘ Briefen gelesen, um mir auch den Menschen hinter dem Genie neu zu vergegenwärtigen.

Wie ist Ihr persönlicher Blick auf Brahms?
Du kannst dich noch so oft mit einem Komponisten und seiner Musik beschäftigen, er spricht doch immer wieder neu und anderes zu dir. Für mich war es die Zweiteilung in Brahms‘ Lebensweg zwischen Norden und Süden, die mich angesprochen hat – wahrscheinlich, weil ich selbst gerade von Nord nach Süd gezogen bin. Auch in seinen Werken ist das zu hören. In der Behandlung der Streicher beispielsweise finden sich sehr häufig Bariolagen und aufgefächerte Akkorde, mit denen er horizontale Klangflächen erschafft – darin höre ich das Meer, den Nebel, den weiten Blick über die Nordsee. Und dann treffen diese nordischen Farben auf ein Schwelgen in wehmütigen Walzermelodien, die dich unmittelbar in die musikalische Atmosphäre Wiens transportieren. Auch den nordischen Grübler Brahms hört man oft in seinen Symphonien. Das Besondere ist: es passt ganz wunderbar zusammen, die Gegensätze erzeugen Spannung.

Der vielbeschworene Wiener Klang – was ist Klischee und was ist Realität? Wie sehen Sie das, die Sie mit so vielen verschiedenen Orchestern aus dem deutschsprachigen Raum gearbeitet haben?
Ein gutes Orchester, egal wo, klingt nicht wie ein anderes. Auch in Wien spielen die verschiedenen Orchester nicht einfach gleich, bloß weil sie hier beheimatet sind. Klang ist ja nicht eine feste Masse, unveränderbar und hart – ihn so zu sehen wäre ein Klischee! Die regional besondere Klanggestaltung eines Orchesters wird dennoch immer von seiner Mentalität, seiner Kultur, der musikalischen Geschichte und den Traditionen beeinflusst.

 

Und all das ist sehr stark ausgeprägt in Wien – da konnte ich im letzten Jahr voll eintauchen. Man spielt hier generell mit „mehr Zucker“, der Klang ist süßer, gemütvoller und ja: sinnlicher. Vielleicht, weil der Wiener Klang ja auch von östlichen Traditionen beeinflusst ist. Die Herangehensweise ist musikantischer, und es werden Dinge geschätzt, die in Deutschland vielleicht als unpräzise gelten mögen. Absolut Wienerisch ist beispielsweise die Bereitschaft, die Offenheit, und nicht zuletzt der Mut, zwischen den Taktmetren zu spielen. Das macht einen gigantischen Unterschied, denn letzten Endes ist es ja die individuelle Gestaltung des Tempos, die die Musik lebendig macht und auch die Stilistik bestimmt.

Wie beeinflusst die Klangkultur der Wiener Symphoniker Ihre Arbeit als Konzertmeisterin in Bezug auf Brahms und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Philippe Jordan?
Als ich mit den Brahms-Symphonien bei den Wiener Symphonikern angefangen habe, habe ich mir gedacht: „Sophie, da machst du jetzt mal deine Ohren auf und lernst die Klangkultur des Orchesters erst einmal kennen. Sie haben die Brahms-Symphonien nämlich schon viele Jahre gespielt.“ Das mag vielleicht auf den ersten Blick erstaunen, weil ich als Konzertmeisterin ja Führungsperson bin, aber es geht für mich nur so: Die Fähigkeit sich zunächst einzufügen und zu lernen, auf welche Weise die Kolleginnen und Kollegen dem Dirigenten ihren Brahms als Ausgangspunkt für die gemeinsame Arbeit anbieten –  das ist erst die Voraussetzung um sie dann auch lenken zu können.
Beeindruckt war ich von dem Brahms‘schen Orchesterklang, der wirklich wunderschön ausgeprägt ist, voll, schwelgend und dynamisch großzügig. Unter dem Dirigat von Philippe Jordan fanden wir dann auch die Schlankheit und die leisen Töne. Das hat der Musik und dem Orchester sehr gut getan. Traditionell eingebürgerte Spielweisen wieder zu verbinden mit diszipliniertem, genauem Lesen der Partitur ist harte Arbeit, aber wenn es gelingt, dann stehen dir wunderbare Welten offen. Mein Job war es, Herrn Jordan dabei zu unterstützen.

Welche Herausforderungen stellen sich bei den vier Symphonien von Brahms aus Konzertmeisterinnen-Sicht?
Die größte Herausforderung im Spiel von so komplexen und dichten Werken wie den Brahms-Symphonien ist es, sich die eigenen Energien gut einzuteilen und einen Spannungsbogen zu gestalten. Da braucht man jemanden, der einen durchleitet und der gleichzeitig auch einen gewissen „Abstand zur Musik“ hält: Einen Dirigenten, der uns führt und dem ich helfe. Wir dürfen nicht vergessen: Dirigent und Konzertmeisterin sind eigentlich sehr ähnliche Jobs, wir sind quasi Sparring-Partner. Philippe Jordan meinte einmal, dass man im Orchesterklang hört, wer führt. Was für eine wunderbare Gestaltungsmöglichkeit – und was für eine große Verantwortung.

Welche Stellen in den Symphonien liegen Ihnen besonders am Herzen?
Es gibt in den vier Symphonien so viele Gänsehaut-Stellen, die kann ich gar nicht alle aufzählen. Die erschütternde Wucht des Beginns der Ersten Symphonie, die lebensbejahende Melodienseligkeit der Zweiten, der zarte, melancholisch-nordische Anfang der Vierten Symphonie – Was für ein Beginn für eine Symphonie! Oder wenn die Celli das sehnsuchtsvolle Hauptthema des dritten Satzes der Dritten Symphonie intonieren – das gehört für mich zu den berührendsten Momenten überhaupt. Und dann ist da natürlich noch das herrliche Geigensolo im zweiten langsamen Satz der Ersten Symphonie. Das war eine ebenso wunderbare wie aufregende Aufgabe, denn nichts ist so schwer, als einfach eine schöne, innig strahlende Melodie zu spielen: Das ist die Königsklasse des Musizierens.
 

Philippe Jordan_BrahmsSymphonies_teaser
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