Konzerte im Wiener Konzerthaus

Saison 2019-20

7.10.2019
Nicola Benedetti_c- rhys-frampton

Meilensteine: Seit dem Altertum zeigen sie uns wichtige Wegmarken an, zurückgelegte Strecken, vollendete Reiseabschnitte. Dieses Bewusstsein ist uns geblieben – selbst wenn wir den großen Erzählungen nicht mehr trauen, in denen die Historie als logischer Fortschritt auf der Straße der Zeit dargestellt wurde, und wir nicht allein in der Kulturgeschichte längst eher Pendelbewegungen oder spiralförmige Verläufe erblicken wollen. Können wir heute noch ermessen, was die musikalische Polarisierung des 19. Jahrhunderts bedeutet haben muss?

Damals hatte sich die Herde der Komponisten in zwei Lager getrennt. Auf der einen Seite weideten die Schafe, die sich der Tradition verpflichtet fühlten und Johannes Brahms in ihre vorderste Reihe drängten. Auf der anderen Seite aber scharrten die Böcke mit den Hufen und senkten die Köpfe zum Angriff, die progressiven „Neudeutschen“ rund um Richard Wagner und Franz Liszt ...

Musikalische Meilensteine prägen die Konzerte der Wiener Symphoniker 2019-20 – eine Saison, die in der Geschichte des Orchesters und seines Chefdirigenten selbst Meilenstein und Weggabelung zugleich bedeutet.

Ist es doch die letzte, die Philippe Jordan in dieser Funktion mit den Symphonikern gemeinsam gestalten wird. Da ist es Zeit für eine Rückschau ebenso wie für einen metaphorischen Ausblick: durch bahnbrechende Schöpfungen der Musikgeschichte. Das Schaffen von Johannes Brahms bildet dabei ein natürliches Zentrum. Im Konzerthaus stehen nicht zuletzt die Instrumentalkonzerte an: technisch anspruchsvolle Werke, bei denen Brahms jeder rein äußeren Brillanz aus dem Weg geht und dafür Seelentöne anschlägt, deren Zartheit oft von herben Auseinandersetzungen bedroht wird. Im Falle der beiden Klavierkonzerte sitzt am Flügel kein Geringerer als Yefim Bronfman, Artist in Residence in dieser Spielzeit.

Beim dramatisch zupackenden ersten Klavierkonzert ist Jordan sein Partner am Pult, den Weg durch die lyrisch weite Klanglandschaft des zweiten Klavierkonzert weist hingegen Lahav Shani, dessen Zeit als Erster Gastdirigent gleichfalls zu Ende geht.

Lahav Shani

Das von Melancholie umflorte Violinkonzert interpretieren Gil Shaham und Kent Nagano, während Sebastian Weigle den im Deutschen Requiem auszufechtenden Kampf gegen den Stachel des Todes anführt.

Ist Max Bruchs 1. Violinkonzert, zu erleben mit der britischen Geigerin Nicola Benedetti, noch Brahms’ Seite zuzurechnen, sind die „Neudeutschen“ gleichfalls mit gewichtigen Stücken vertreten. Wagner etwa mit der Tannhäuser-Ouvertüre unter Shani, dem „Siegfried-Idyll“ sowie mit dem auch konzertant packenden ersten Aufzug der „Walküre“: Jennifer Holloway und Stephen Gould geben das Wälsungenpaar, am Pult steht die gefeierte junge Nürnberger Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz.

Und für das funkelnde 1. Klavierkonzert von Wagners Schwiegerpapa Franz Liszt ist Denis Kozhukhin aufgeboten, der ebenso wie der Dirigent Robert Trevino längst kein Geheimtipp mehr ist.

Robert Trevino

Konzerte

 

Wo aber lag die Weggabelung, an der sich die Pfade von Schafen und Böcken getrennt hatten? Bei Ludwig van Beethoven, hätten sie übereinstimmend geblökt und sich emphatisch auf ihn berufen. Beethoven, dieses Monument der Musikgeschichte sui generis, bedeutete zugleich einen Meilenstein in der Zusammenarbeit der Wiener Symphoniker mit Philippe Jordan.

250 Jahre nach Beethovens Geburt, im Jubiläumsjahr 2020, wird dies nun mit einem klingenden Denkmal gefeiert: der Wiederholung eines berühmt-berüchtigten Programms. „Da haben wir denn in der bittersten Kälte von halb sieben bis halb eilf ausgehalten und die Erfahrung bewährt gefunden, daß man auch des Guten – und mehr noch, des Starken – leicht zu viel haben kann“, schrieb ein Zeitgenosse über diesen Abend des 22. Dezember 1808 im ungeheizten Theater an der Wien, an dem Beethoven dem Publikum („zitternd und in Pelze gehüllt“) seine neueste Werke präsentierte: die Symphonien Nr. 5 und 6, zwei Sätze aus der C-Dur-Messe, die Arie „Ah! perfido“, das 4. Klavierkonzert und die Chorphantasie! Des Guten zuviel?

Heute kann das Publikum von Beethoven gar nicht genug kriegen – vorausgesetzt, er wird mit solcher spieltechnischen Qualität und interpretatorischen Überzeugungskraft präsentiert, wie es nach den Aufführungen auch die Symphonien-CDs beweisen, die Jordan und den Symphonikern aktuell internationalen Applaus eintragen. Und der fraglos wohltemperierte Große Konzerthaussaal wird ebenso das Seine zum Gelingen beitragen wie die das ganze Jahr über unerlässliche Wiener Singakademie, einstudiert von Heinz Ferlesch.

philippe_jordan

Auf den Wegen nach Beethoven, Brahms und Wagner setzen sich die denkwürdigen Meilensteine fort:

in den erstarkenden nationalen Musikkulturen, seien sie böhmisch und mährisch (unter Jakub Hruša), ungarisch (Kent Nagano), finnisch (Santtu-Matias Rouvali) oder US-amerikanisch (Ludovic Morlot), wo der Reichtum der jeweiligen Volksmusik mittels unterschiedlicher Strategien dem Konzertsaal zugute kommt; in Gustav Mahlers 5., die „Wunderhorn“-Gesänge erstmals hinter sich lassender Symphonie (Robert Trevino); in Alban Bergs wehmutstrunkenem Violinkonzert (mit Frank Peter Zimmermann) und in „Pelleas und Melisande“ von Arnold Schönberg, der Brahms einst als „den Fortschrittlichen“ gefeiert hat (unter François-Xavier Roth); in der Klage über die größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts, wie sie Richard Strauss’ „Metamorphosen“ und Dmitri Schostakowitschs 13. Symphonie anstimmen (mit Matthias Goerne und Dima Slobodeniouk); mit dem vielleicht fulminantesten Skandalstück der klassischen Moderne, Igor Strawinskis „Le sacre du printemps“ (unter Philippe Jordan) bis herauf zur Gegenwart, zu Wolfgang Rihm sowie, unter Leo Hussain bei Wien Modern, zu Musik von Peter Ablinger, Mark Andre und Peter Eötvös. „Multiversum“, der Titel von Eötvös’ Werk, scheint die Vielfalt und Gleichzeitigkeit vergangener und aktueller Stile zu benennen, wie es die Programme der kompletten Symphoniker-Spielzeit 2019-20 ausdrücken:

Alles scheint gleich weit von uns entfernt und zum Greifen nahe, will erlauscht und erfühlt werden. Der eine, zielstrebige Weg ist verschwunden oder muss zumindest abschnittsweise immer aufs Neue definiert werden. Die Faszination für seine Meilensteine hingegen bleibt.

 Programm & Tickets