Vilde Frang: WSY-Artist 22-23

Norwegische Stimmung

Vilde? Eine Wilde im negativen Sinn ist Vilde Frang keineswegs. Also zum Beispiel eine, die sich um nichts scheren würde, weder um die Noten noch um ihr Umfeld auf der Bühne; eine, die einfach ihr Ding machen möchte, ohne Rücksicht auf Verluste. Vielmehr wirkt sie als Musikerin auf der Bühne so, als würde sie sprechen, sich im dauernden Dialog befinden. Beseelt von Mitteilsamkeit, ist sie mit ihrem hellen, flexiblen Geigenton (und einem berühmten Pianissimo!) immer im lebendigen Austausch mit den anderen, übernimmt einmal frisch die Führung, lauscht ein anderes Mal neugierig und reagiert dann sensibel, nimmt die musikalischen Bälle auf, spielt sie weiter – seien es nun Kammermusikpartner oder ein ganzes Orchester. Da scheint schon besser zu passen, dass der Vorname der 1986 in Oslo geborenen Geigerin sich von Alvilde oder Alfhild herleitet, bestehend aus den Teilen alfr (Elfe) und hildr (Kampf). Aber Vorsicht, keine klischeehaft-banalen Zuschreibungen, kein Geschwurbel! Allenfalls könnte man mit Hinblick auf diese Namenselemente vom Zusammenwirken aus Begabung und Arbeit sprechen – und das brauchen alle auf der Bühne. Nicht von Ungefähr wird in Kritiken an Vilde Frang immer wieder gerühmt, dass sie und ihre Spielweise sich nicht in Begriffen wie „mädchenhaft“ oder „dominant“, „bezaubernd“ oder „entschlossen“ erschöpfen würden: Die Musikerin bleibe immer sie selbst, einzigartig, mühelos, natürlich. Dabei hat es freilich geholfen und hilft immer noch, dass sie schon früh gewusst hat, wo die Reise hingehen sollte. Es gibt ein Foto von Vilde Frang, da steht sie als Fünfjährige in flauschigen Patschen im Wohnzimmer und spielt Geige – für ein Publikum aus mehreren Reihen von Kuscheltieren, die die ganze Couch bevölkern.

„Ich war alles, aber garantiert kein Wunderkind!“, wehrt sie dennoch das viel zitierte, aber auch zweischneidige Etikett ab: „Ein Wunderkind ist jemand, der all die großen Violinkonzerte schon früh perfekt spielt – Menuhin war solch ein Wunderkind, und es hat sicher auch viele andere gegeben, wie Anne-Sophie Mutter, Sarah Chang oder Midori. Meine Kindheit aber war geradezu märchenhaft, denn ich bin in einer sehr friedlichen Umgebung in Norwegen aufgewachsen und habe eine wunderbare Erziehung genossen. Ich habe viel gelesen, bin viel in die Oper und ins Theater gegangen und auch sonst keineswegs isoliert vom normalen Leben groß geworden.“ Das hat sie freilich nicht gehindert, im Alter von zehn Jahren beim Orchester des Norwegischen Rundfunks zu debütieren und mit zwölf dann bei den Osloer Philharmonikern – in diesem Fall mit Mariss Jansons am Dirigentenpult. Damals hatte sie in der erwähnten Anne-Sophie Mutter bereits eine strenge, aber auch hilfreiche Mentorin gefunden. Von deren Stiftung bekam sie eine Geige aus der Werkstatt Jean-Baptiste Vuillaumes von 1864 zur Verfügung gestellt – jenes Instrument, mit dem Vilde Frang ihre große internationale Karriere begründen konnte. Längst hat sie diese zu den namhaftesten Klangkörpern und auf die wichtigsten Konzertpodien der Welt geführt. Allerdings habe sie doch auch täglich mit dieser Geige „gestritten“, wie sie in einem Interview bekannte. Steckt also doch mehr als nur ein Hauch von hildr in Vilde Frangs Musikerinnenleben? Vielleicht. Es sei jedenfalls „ein sehr heilsamer Prozess“ gewesen, „dass ich ein Instrument hatte, an dem ich mich abarbeiten musste. Ohne das hätte ich mich wohl als Geigerin nicht annähernd so weit entwickelt. Meine neue Geige, eine Guarneri del Gesù, ist da komplett anders, sie legt mir einen Hermelinmantel um und setzt mir eine Krone auf."

Die Wiener Symphoniker rollen der hoch geschätzten Kollegin jedenfalls gern den roten Teppich aus. Zuletzt war Vilde Frang bei ihnen für Alban Bergs Violinkonzert zu Gast, das sie mit Andrés Orozco-Estrada in Wien und auf Tournee interpretiert hat. Nun kehrt sie als WSY-Artist zurück: mit der elfengleichen Noblesse und Leichtigkeit von Felix Mendelssohns e-Moll-Konzert, mit Béla Bartóks 2. Violinkonzert und dessen ständig neu verhandelter Balance zwischen Klassizismus und Moderne, sowie mit dem kapitalen Konzert Edward Elgars, voller Edelmut, Größe und wundersamer Melancholie.

 

Konzerte mit Vilde Frang in der Saison 22-23
 
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Rouvali, Frang / Rossini, Mendelssohn Bartholdy, Strawinski
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Rouvali, Frang, Piano Meets Percussion / Mendelssohn Bartholdy, Strawinski
Musikverein Wien, Großer Saal
Urbanski, Frang / Penderecki, Bartók, Dvorák
Musikverein Wien, Großer Saal
Urbanski, Frang / Penderecki, Bartók, Dvorák
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Luisi, Frang / Elgar, Schmidt
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Luisi, Frang / Elgar, Schmidt