Ehrendirigenten

Tiefe Verbundenheit

Georges Prêtre †

Dass es sich bei Prêtre-Konzerten nicht um „herkömmliche“ Konzerte handelt, steht außer Zweifel. Als „Dirigent“ hatte sich der 1924 in Waziers geborene Dirigent selbst – und darin stimmen ihm die Orchestermusiker uneingeschränkt zu – nie verstanden: eher als „Interprêtre“ und durchaus im Sinne des französischen Vokabels als ekstatischer Musik-Priester und Vermittler göttlichen Odems, der den großen Werken entströmt. Vor derartigen Größen verstummt hierzulande jede Kritik, es sei denn, sie äußern sich kritisch über österreichische Verhältnisse, und da dies Georges Prêtre schon deshalb nie getan hatte, weil eben Musik seine Muttersprache ist, übte sich die Wiener Kritik, dankbar, ihrer verbrieften Verpflichtung zu distanzierter Skepsis enthoben zu sein, bei Prêtre-Konzerten in entrückter Selbstvergessenheit. Wie auf mittelalterlichen Stifterbildern sah man dann im Konzertsaal allenthalben kleine Kritikerfiguren mit Rosenkränzen statt Partituren in Händen, in Bet- oder Adorationsstühlen demütig vor ihrem großen Heiligen kniend, dem sie tags darauf ihre Panegyriken als mildtätige Stiftungen in den Feuilleton-Opferstöcken darbrachten und aus deren wundervollen Superlativen auch ein wenig Glanz auf das Orchester fiel.

Georges Prêtre

Berufsbedingt sahen die Musiker aus der verzerrenden Praxis-Perspektive die Dinge nüchterner, schließlich mussten sie das Konzert ja spielen, waren sich aber in der Bewunderung der geistigen und physischen Leistung des 92-jährigen Maître einig, der die Stelle des Ersten Gastdirigenten der Wiener Symphoniker übernahm. Orchestermusiker seines Alters waren beinahe ebenso lange schon in Pension, und selbst wenn man konzediert, dass Dirigieren in der Kombination aus angewandter Gymnastik, sublimierter Machtausübung und öffentlichem Ruhm ideale Voraussetzungen für die Bewahrung von Vitalität und Lebensenergie bot, sind und waren dennoch vielen bedeutenden Dirigenten physische Grenzen gesetzt, die für Georges Prêtre nicht zu gelten schienen. Seine geistige und körperliche Elastizität übertrug sich bis zum Schluss (letztes Konzert 12. Oktober 2016) sich geradezu magisch auf die Orchestermusiker, spornte sie aufs Äußerste an und motivierte zu Höchstleistungen, die sich auch der extremen und bis zur Erschöpfung führenden gesteigerten Anspannung verdankten, welche die sachdienliche Dechiffrierung von Prêtres kryptischer, um nicht zu sagen orakelhafter Form der Zeichengebung erforderte.

Georges Prêtre

Es war, um Freud’sche Terminologie zu verwenden, die permanente Durchbrechung des Reizschutzes, welche – ganz im Sinne von Walter Benjamins Ausführungen über Baudelaire – dem Musizieren Prêtres seinen schockartigen und damit intensiv erlebnishaltigen Charakter verleihte: „Je größer der Anteil des Chockmoments an den einzelnen Eindrücken ist, […] desto eher erfüllen sie den Begriff des Erlebnisses“; und „desto weniger gehen sie in die Erfahrung ein.“ Diese illuminierende Erkenntnis Benjamins stellte für uns die künstlerische Eigenart Prêtres in die große französische Tradition, als Paris die „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ war, erklärte aber umgekehrt auch den tatsächlich bemerkenswerten Sachverhalt, dass selbst bei von ihm oftmals interpretierten Werken keine Prêtre’sche „Interpretationstradition“ entstehen konnten. Und wo sich keine erfahrungsgesättigte Anschauung bildete, regierte das Suchtverhalten, sich unentwegt aufs Neue den faszinierenden, unerwartet hereinbrechenden Schocks auszusetzen.

Das Geheimnis seines Erfolgs lag vermutlich im weisen Entschluss, Zeiten zurückgezogener Muße mit einem klar umgrenzten „Repertoire ohne Repertoire“ zu verbinden: mit einem intensiv studierten Werkkanon ohne Routine-Gefahr.

Wolfgang Sawallisch †

Nach einem Konzert im Februar 1993 resümierte der Kritiker Franz Endler: „Ein Satz, den man wohl nach jedem Konzert mit Wolfgang Sawallisch schreiben wird: Auch das Wiener Musikleben hätte einen Künstler von seinen Qualitäten als ständige Institution sehr notwendig.“ Drei Jahrzehnte zuvor – von 1960 bis 1970 – war Sawallisch als erster Chefdirigent der Wiener Symphoniker im Übergang von der Nachkriegszeit in die Normalität eines institutionell abgesicherten lokalen und zunehmend auch internationalisierten Konzertwesens eine solche Wiener Institution gewesen. Mit ihm gastierte das Orchester 1964 erstmals in den USA, 1967 im Rahmen einer Weltreise auch in Japan: der große Erfolg dieser Tourneen machte aus dem für Wien immer schon wichtigen Konzertorchester ein weltweit anerkanntes Ensemble hoher Qualität. Zugleich gelang es Sawallisch, die Wiener Symphoniker durch etliche Platteneinspielungen (u.a. aller Orchesterwerke von Brahms) auch im Bereich der Tonträger prominent zu positionieren.

Wolfgang Sawallisch

Aus dem anfangs der 60er-Jahre beendeten „Karajan-Zyklus“ ging auf seine Anregung der „Symphoniker-Zyklus“ hervor, in dem vor allem zyklische Aufführungen des symphonischen Schaffens großer Komponisten aus Klassik und Romantik im Mittelpunkt standen. In der wirtschaftlichen Aufbruchzeit der 60er-Jahre entwickelte sich auf diese Art ein „Drei-Säulen-Modell“ orchestraler Praxis, das noch einige Zeit weiterwirken sollte: die Konzentration auf Kernaufgaben im Wiener Konzertleben verband sich mit der Präsenz auf dem Plattenmarkt und internationaler Reisetätigkeit. Es bedeutete für die Wiener Symphoniker einen Glücksfall, dass Wolfgang Sawallisch nach einem Jahrzehnt der Abwesenheit 1980 ans Pult zurückkehrte und eine ausgedehnte Europa-Reise zum 80. Geburtstag des Orchesters leitete. Danach kam es zu einer kontinuierlichen Zusammenarbeit, die ein weiteres Vierteljahrhunderte währte: so lagen 48 Jahre zwischen dem ersten und dem letzten Auftreten des großen Dirigenten bei den Wiener Symphonikern – eine Zeitspanne gemeinsamen Musizierens, die kaum ein anderer Dirigent erreichte.

Wolfgang Sawallisch

Die Musiker schätzten an ihm seine unprätentiöse, bisweilen in bayrischen Grant reichende Direktheit, aus der immer kollegiale Sympathie leuchtete: „Meine ersten Geigen, bitte spielts mir diese Stelle piano! Ihr könnt’s des nämlich!“ Bei Sawallisch fühlte man sich immer gut aufgehoben – „Im Interesse der Deutlichkeit“ lautete der Titel eines von ihm verfassten Buches über Musik, und handwerkliche wie interpretatorische Deutlichkeit zeichnete sein Musizieren aus. Exhibitionistische Schaumschlägerei war ihm verhasst, er gehörte noch jener Dirigentengeneration an, die es als ihre alleinige und zugleich vornehmste Aufgabe ansah, die Werke – und nicht sich selbst – in den Mittelpunkt zu stellen. Das hat Sawallisch bei der Kritikerzunft, die zunehmend Originalität der Darstellung als oberstes Qualitätsmerkmal postulierte, mitunter in den Ruf eines trockenen Akademismus mit stets vorhersehbaren Resultaten gebracht, zumal er sich auf den Wandel des interpretatorischen Geschmacks im Zeichen von Originalklangbewegung und Urtextausgaben nicht einließ. Doch wer je mit ihm wirklich musizieren konnte, verspürte seine leidenschaftliche und nie versiegende Liebe zur Musik, die angemessen zur Sprache zu bringen im Zentrum seiner stets von hohem Verantwortungsgefühl geprägten Bemühungen stand.

Als Wolfgang Sawallisch 2005 aus gesundheitlichen Gründen seine aktive musikalische Laufbahn beendete, ging wahrhaft eine Ära zu Ende, der ein besonderer Stellenwert in der Orchestergeschichte zukommt.