Eine Ära geht zu Ende

Philippe Jordan

7.8.2020
Eine Ära geht zu Ende

Mit einer Konzertserie in Bregenz, dem Wiener Konzerthaus und in Grafenegg geht im August die Amtszeit von Philippe Jordan als Chefdirigent der Wiener Symphoniker zu Ende. Nun gilt es denn Abschied zu nehmen – und zurückzublicken auf sechs prägende und beglückende gemeinsame Jahre.

Schon die nackten Zahlen der Konzertstatistik geben einen ersten Eindruck von der ungemeinen Produktivität und Intensität der sich neigenden Ägide. Über 160 Mal stand Jordan in den vergangenen sechs Spielzeiten am Dirigentenpult der Wiener Symphoniker, acht Tourneen führten das Orchester unter seiner Leitung in 14 verschiedene Länder und nicht weniger als fünf CD-Produktionen im hauseigenen Label dokumentieren den gemeinsamen künstlerischen Weg.

Im Rahmen des beliebten Konzertformats Wienersymphoniker@7 und des Kammermusik-Fests der Wiener Symphoniker war Philippe Jordan außerdem auch sechsmal als Pianist im Zusammenspiel mit Orchestermitgliedern und mit so illustren Größen des internationalen Musiklebens wie Khatia Buniatishvili, Pierre-Laurent Aimard, Renaud Capuçon oder Julia Fischer zu erleben.

Die Zusammenarbeit mit hochkarätigen Solistinnen und Solisten bekam in seiner Amtszeit mit der Kooperation mit jährlich wechselnden Artists in Residence ein neues Maß an planvoller Konstanz. So wurden Renaud und Gautier Capuçon, Pierre-Laurent Aimard, Jean-Yves Thibaudet, Julia Fischer, Nikolaj Szeps-Znaider und Yefim Bronfman zu kontinuierlichen künstlerischen Partnern und Wegbegleitern des Orchesters.

Mit Werken von über 40 Komponisten präsentierte Jordan die ganze Fülle des Repertoires von den Messen Bachs, über die zentralen Meilensteine des klassisch-romantischen Repertoires und der Moderne, bis zu Uraufführungen neuer Werke – unvergessen etwa die mit dem Echo Klassik prämierte Aufnahme von Wolfgang Rhims Violinkonzert „Gedicht des Malers“ gemeinsam mit Widmungsträger Renaud Capuçon. Jordans Leichtfüßigkeit im Umgang mit den Tonsprachen aus vier Jahrhunderten war gleichzeitig nie dem Risiko der Beliebigkeit ausgesetzt – auch, weil der Vielseitigkeit die intensive und systematische Auseinandersetzung mit Schwerpunkt-Komponisten gegenüberstand. Auch hier wird die auf planvolle Langfristigkeit ausgerichtete Herangehensweise Jordans deutlich: Schon die Programme seiner ersten Spielzeiten zielten auf die systematische Vorbereitung des Beethoven-Jahrs 2020 ab.

So wandten sich die Symphoniker und Jordan bereits in ihrer ersten Saison der Klangwelt zwischen Wiener Klassik und Romantik zu. Die intensive Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Vermächtnis Franz Schuberts gipfelte 2014–15 unter anderem in einer zyklischen Aufführung seiner Symphonien und der Aufnahme einer umjubelten CD-Produktion. In den beiden folgenden Spielzeiten machten sich Orchester und Chefdirigent dann auf zu ihrer Road to Beethoven, ein Projekt, mit dem sie sich schon ab 2015 akribisch auf das Beethovenjahr 2020 vorbereiteten. 2015–16 stand dabei die Erarbeitung aller Klavierkonzerte mit dem französischen Ausnahmepianisten Pierre-Laurent Aimard, kombiniert mit den großem Orchesterwerken Béla Bartóks, im Mittelpunkt.

In der Spielzeit darauf machten sich Jordan und die Symphoniker schließlich daran, die wohl monumentalsten Meilensteine der symphonischen Literatur neu zu vermessen: Die neun Symphonien Beethovens. Bei der von Kritik und Publikum gleichsam gefeierten Konzertserie 2016–17 im Wiener Musikverein handelte es sich nicht nur um den ersten Beethoven-Zyklus des Orchesters seit Jahrzehnten – die in den folgenden Jahren sukzessive erschienene Gesamteinspielung der Symphonien sollte sogar die erste in der Geschichte des Orchesters werden. Sie wurde mit der renommierten Trophée Radio Classique ausgezeichnet.

Einen Kontrapunkt zur kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Beethoven stellte der Bruckner-Schwerpunkt 2017–18 dar, dessen Symphonien in Gegenüberstellung mit Werken von Scelsi, Kurtág und Ligeti erklangen. Ein Jahr darauf rückte schließlich Berlioz in den Fokus: nahezu alle Werke seines symphonischen Schaffens brachten Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker in einer beispiellosen Aktion in der Spielzeit 2018–19 zur Aufführung, gefolgt von einer umjubelten CD-Aufnahme von Lélio und der Symphonie Fantastique.

Der Beginn der letzten Saison der Ägide Jordan stand schließlich ganz im Zeichen von Johannes Brahms, dessen vier Symphonien in Bregenz und im Wiener Musikverein zu erleben waren. Hier entstand auch die Aufnahme der kürzlich erschienenen Gesamteinspielung, mit der Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker den krönenden Abschluss ihrer gemeinsamen CD-Produktionen vorlegen. Schon bei den Konzerten im Herbst 2019 zeigte sich die Kritik begeistert: „Brahms im Musikverein (…) zeigt, was Jordan in fünf Jahren geleistet hat“ war in der Presse zu lesen, und auch der Kurier schlug ähnliche Töne an: „Philippe Jordan hat (…) die Wiener Symphoniker für die höchste Spielklasse qualifiziert“.

Zu Beginn des Beethoven-Jahrs 2020 war es schließlich an der Zeit, ein weiteres Mal die Ernte der jahrelangen Auseinandersetzung mit dem großen Wahlwiener einzufahren. Bei der gefeierten Rekonstruktion der legendären Musikalischen Akademie von 1808 konnte sich das Wiener und Pariser Publikum ein ums andere Mal von Jordans gefeierten Beethoven-Interpretationen überzeugen.

Die beispiellosen Ereignisse des Frühjahrs 2020 brachten schließlich Jordans letzte Saison als Chefdirigent der Wiener Symphoniker zu einem unerwartet abrupten vorläufigen Ende. In Zeiten des Abstandsgebots war an die Durchführung des geplanten Abschiedskonzerts mit Gustav Mahlers Achter, der alle Dimensionen sprengenden „Symphonie der Tausend“, freilich nicht mehr zu denken. Umso größer die Freude, als per 1. Juni das Veranstaltungsverbot nach zehn langen Wochen aufgehoben wurde, und sich doch noch eine Möglichkeit bot, auf der Bühne des Wiener Musikvereins gemeinsam zu musizieren. Vor einem Publikum von 100 Personen kredenzten Jordan und die Symphoniker Beethovens Dritte Symphonie „Eroica“.

Ende August wird Philippe Jordan schließlich bei Konzerten in Bregenz, beim Festival Grafenegg und im Wiener Konzerthaus die Wiener Symphoniker das letzte Mal in seiner Funktion als Chefdirigent leiten. Mit einem den großen symphonischen Dichtungen von Richard Strauss gewidmeten Programm nehmen Orchester und Dirigent mit großer Dankbarkeit und einer Prise Wehmut nach sechs intensiven, prägenden und beglückenden gemeinsamen Jahren voneinander Abschied.