"Ich bin da"

Andrés Orozco-Estrada im Gespräch

23.3.2020

Andrés Orozco-Estrada, was bevorzugen Sie: Hören Sie lieber Musik oder dirigieren Sie sie lieber? Dirigieren definitiv – wobei zuhören sowieso zum Dirigieren gehört. Aber ich genieße es natürlich sehr, Musik selbst zu gestalten und mit Musik etwas zu bewegen. Besonders schön ist es, wenn ich merke, dass das Publikum wirklich mitgeht – oder gar mitdirigiert. Natürlich nur solange es den Nachbarn nicht stört (lacht).

Kann man die Arbeit eines Dirigenten mit jener eines Fußballtrainers am Rand des Spielfelds vergleichen? Man hat zwar alles geplant, aber manchmal läuft was nicht so wie man das gerne möchte? (Schmunzelnd) Ja, das gibt’s, sogar sehr oft. Das Gute daran ist, dass aus diesen Momenten der Freiheit und der Spontanität meist sehr tolle musikalische Ereignisse entstehen. Man muss zuweilen auch gehen lassen können, Abschied von der Vorstellung nehmen, dass man immer alles kontrollieren kann. Es geht auch darum, dem Orchester zu vertrauen. Wenn man als Dirigent weiß, wo man führen muss, und wo man einfach mitgeht und das Orchester machen lassen kann – dann ist schon viel geschafft.

Ist es manchmal auch wichtig, herauszufinden, dass etwas gar nicht so klingt, wie man es sich vorgestellt hat? Ja klar. Ich habe eine bestimmte Vorstellung von einer Stelle, und dann kommt das Orchester, gibt mir eine andere Version und manchmal stellt sich heraus: Es funktioniert noch besser. Da muss man intelligent und schnell genug sein, um das zu verstehen und aufzunehmen. Musizieren ist ein Prozess, der nur gemeinsam funktioniert. Nur so kommt man zu authentischen Ergebnissen.

Wie sind Sie zur Musik gekommen, wie war das kulturelle Umfeld Ihrer Kindheit in Kolumbien? Ich hatte großes Glück und bin in eine Art Musikschule gegangen. Mit sechs Jahren hatte ich den ersten Geigenunterricht. Ich war in einer sehr geschützten Atmosphäre, das war sehr wichtig für meine Entwicklung als Mensch. Vor allem auch wenn man bedenkt, dass die Zeiten für Kolumbien damals schwer waren – und gerade in Medellín, der Großstadt, aus der ich komme. Da war Musik ein wunderbares Refugium.

Ihnen war schon sehr früh klar, dass Sie Musiker werden wollen. Gab es nie einen anderen Berufswunsch? Also wenn, dann nur Profi-Fußballer! Ich habe ja viel Fußball gespielt, und zwar als Tormann – und das, obwohl ich eigentlich relativ klein bin. Aber ich war schon damals immer so voller Energie und bin einfach gesprungen wie ein Verrückter (lacht). Ziemlich bald musste ich mich dann entscheiden, ob ich zum Training oder in die Proben gehe. Da musste ich nicht zweimal überlegen – die Musik stand immer im Vordergrund.

AOE (c Julia Wesely)

Wir haben in den letzten Jahren gelernt, wie ernst klassische Musik in Südamerika genommen wird … … wenn ein Mensch in einem Kontext lebt, in dem seine Lebensumstände schwieriger sind, oder vielleicht sogar existenziell problematisch, dann haben Kunst und Musik eine viel existenziellere Bedeutung. Kultur greift dann eher in das Leben ein, kann das Leben wirklich verändern!

Wien ist seit vielen Jahren Ihr Lebensmittelpunkt. Warum wollten Sie unbedingt hier studieren? Da war natürlich einerseits der Ruf Wiens als Welt-Hauptstadt der klassischen Musik. Und dann gab es eine berühmte Dirigierschule, die mich interessiert hat. Maestro Swarowsky, der Chefdirigent der Wiener Symphoniker war, habe ich zwar leider nicht mehr erleben können, aber ich wusste natürlich um seine großen Fähigkeiten und das Erbe seiner Lehre. Mir war klar, dass ich mehr über diese Art des Musizierens lernen wollte. Als ich in Wien ankam, habe ich dann aber viel mehr als nur das gefunden! Ich habe neben meinem Studium an der Musikuniversität viele Proben besucht und im Wiener Singverein gesungen. Es war ungemein lehrreich, so viele Dirigenten bei der Arbeit beobachten zu können. Wenn man wach und aufmerksam genug ist, ist Wien eine Stadt, in der man unglaublich viel lernen und entdecken kann.

Was für eine Art Student waren Sie? Ich habe Musik sehr ernst genommen und war sehr vertieft in das Lernen. In meinem ersten Sommer, nachdem ich die Aufnahmeprüfung geschafft hatte, wäre ich gerne wieder nach Kolumbien zurückgeflogen, hatte aber kein Geld. Dann habe ich gedacht: Ich habe jetzt zwei Monate, um all das kennenzulernen, was ich nicht kenne. Und so bin ich dann jeden Tag in der Musikabteilung der städtischen Bücherei gewesen und habe mir u.a. die Symphonien von Schubert, Haydn, Bruckner und Mahler angeschaut. Alles Werke, zu denen ich früher keinen Zugang hatte. Auch so habe ich Wien lieben gelernt – im Lesesaal!

Inzwischen sind Sie öfter auf dem Podium als im Lesesaal. Was sind die schwierigen Seiten Ihres Berufs? Der Beruf hat sehr viele unterschiedliche Facetten: Motivation, um nur ein Beispiel zu nennen. Wenn man mehrere Konzerte hat, vielleicht sogar mit dem gleichen Programm, etwa auf einer Tournee, ist es wichtig, die Spannung aufrecht zu erhalten. Man muss sich und die Musiker motivieren und immer wieder sagen: Okay, wir geben jetzt alles.

Letztlich wie in jedem Job, oder? Genau, wie im Leben allgemein und wie in jeder Beziehung. Man muss immer schauen, dass man miteinander respektvoll und liebevoll umgeht, und zwar jeden Tag aufs Neue. Nur so geht es langfristig und bleibt schön und gesund. Das ist mit einem Orchester genauso. Und auch mit dem Publikum. Wir müssen einfach immer etwas anbieten, immer dranbleiben. Nur so können wir eine starke Verbindung mit vielen gemeinsamen Erinnerungen wachsen lassen. Es ist mein Ziel, dass es am Ende des Tages keine Rolle mehr spielt, was wir programmieren, weil die Art, wie wir musizieren das ist, was die Leute erleben, spüren und hören wollen.

Entsteht bei jeder Aufführung automatisch Magie? Natürlich nicht, aber man muss es versuchen. Ich will immer alles geben, bei jeder Probe und bei jedem Konzert. Ein Konzert ist so viel Risiko, es ist aber auch ein heiliger Moment. Wenn man gut vorbereitet ist und im Konzert alles gibt, kann es zu diesem wunderbaren Moment kommen, dass alles zusammenkommt und Magie entsteht. Diese Momente vergisst man nie, und sie motivieren uns immer wieder aufs Neue.

Sie arbeiten in der ganzen Welt, wohnen aber in Wien. Warum? Wien ist ein Lebensgefühl, ist Lebensqualität – und hier ist meine Familie. Wien ist aber auch: Musik. Ich habe viel Respekt und Dankbarkeit für diese Stadt. Ich durfte hier meine Karriere anfangen und auch fortsetzen – in den schönsten Konzertsälen, die man sich vorstellen kann und in einer Stadt mit so viel Geschichte, mit so viel Kultur, mit einem so tollen Publikum. Die Musik, die ich hier mit den Symphonikern machen darf, ist mein musikalisches zu Hause. Das ist wirklich wie ein Traum, das kann man nicht anders sagen.

Ist das Lebensgefühl der Wiener auch durch die Musik geprägt? Ich denke schon, absolut. Sowohl das Konzertleben, als auch das Drumherum. Ich glaube, die Leute lieben Musik, leben Musik – und das spüre ich, das ist ganz präsent. Jeder Komponist, der in Wien gelebt hat, hat hier viel gelernt und Großartiges hinterlassen, und diese Tradition wird auch heute noch weitergeführt. Aktiv oder einfach nur, weil die Tradition überall anwesend ist. Da ist Wien definitiv eine Inspiration.

Wird Wien immer Musikstadt sein? Wir dürfen nicht aufhören, daran zu arbeiten. Tradition ist das eine, sie immer wieder zu beleben und auch Neues auszuprobieren das andere. Wenn wir die Musik nicht pflegen, wird sie selbst in einer Stadt wie Wien irgendwann verschwinden. Aber genau das ist ja unsere Aufgabe mit den Wiener Symphonikern: diese Tradition, diesen Reichtum an Musik, an Komponisten, an Geschichte zu pflegen, um sie den Menschen mit großer Leidenschaft weiterzugeben.

Wer sind eigentlich Ihre Vorbilder? Karajan? Bernstein? Vorbilder gibt es sehr viele. Karajan und Bernstein – ich könnte nicht zwischen den beiden wählen. Bernstein mit seinem Temperament, seiner Menschlichkeit und seiner Emotionalität. Karajan mit seiner intellektuellen Kraft und Genauigkeit. Die Kombination dieser beiden Pole ist das Vorbildliche, was es anzustreben gilt. Auch über einen Carlos Kleiber muss man in diesem Zusammenhang reden. Er war im technischen Sinne hervorragend, verfügte aber gleichzeitig auch über eine unglaubliche intuitive Kraft. Ebenso wie die Interpretationen von Nikolaus Harnoncourt. Ein großer Denker! Da habe ich sehr viel mitgenommen. Wie sehr er den menschlichen Aspekt der Musik betonte, wie viel Temperament und Herz er in seine Arbeit legte – all das ist sehr inspirierend.

AOE (c Julia Wesely)

 

Was für ein Geist schlägt Ihnen bei den Wiener Symphonikern entgegen? Zunächst einmal eine große Achtsamkeit und Offenheit. Ich spüre einen wirklich offenen Geist – und das auf einem sehr hohen musikalischen und technischen Niveau. Außerdem ein sehr gesunder Umgang mit der Musik und ein echter Teamgeist. Das klingt jetzt vielleicht nicht spektakulär, aber wenn man das Musikleben kennt – da gibt es viele Orchester auf der Welt, wo all das nicht vorhanden ist. Wir sind tatsächlich als Gesamtheit ein Instrument. Vor allem das gemeinsame Suchen bringt uns weiter und beflügelt uns. Ich freue mich, dass es nun meine Aufgabe ist, alles zu geben, damit dieses Orchester noch besser wird. Ich habe nichts Anderes vor, als die kommende Zeit so zu verbringen, dass sie in der reichen Geschichte des Orchesters in Erinnerung bleiben wird.

Tradition und Revolution: Die Umbruchsjahre des Fin de Siècle sind ja auch die große Geburtsstunde der Wiener Symphoniker. Wenn wir auf die Geschichte schauen, darauf, was das Orchester alles uraufgeführt und gespielt hat, und mit welchen Dirigenten – das ist unglaublich. Dass ich jetzt am Ende dieser beeindruckenden Linie stehe, ist ein bisschen einschüchternd. Aber eben auch eine Herausforderung. Die Konzerte im Wiener Konzerthaus und im Musikverein, aber auch sehr viele Sachen außerhalb der Abos, Open-Air-Konzerte bei freiem Eintritt, ein großes Angebot für Kinder und Jugendliche, all das zeigt die große Vielfalt der Wiener Symphoniker … und ihre große kommunikative Kompetenz.

Was haben Sie konkret mit den Symphonikern vor? Ein Orchester wie die Symphoniker muss sich breit aufstellen, man braucht den Klang und die großen Emotionen der Romantik, ebenso wie die Feinheiten, das Transparente, das Delikate der Wiener Klassik. Dieses Orchester ist auf beiden Feldern sehr versiert, und hier möchte ich anschließen. Neben den Schwerpunkten auf die Tondichtungen von Richard Strauss oder Gustav Mahlers Symphonien werden wir uns vermehrt Joseph Haydn zuwenden. Wir haben eine kleine und feine neue Reihe geplant, wo wir anhand einer Haydn-Symphonie unsere Arbeit an stilistischen Aspekten und dem Klang offenlegen. Ich werde dort auch moderieren und die Interaktion mit dem Publikum suchen. Es soll so eine Art Hauskonzert werden, wo das Publikum die Möglichkeit hat, dem Orchester ganz nahe zu sein.

… außerdem haben Sie ein sehr besonderes Antrittskonzert geplant. Das ist ja die Gelegenheit, wo ich mich dem Publikum vorstellen darf. Und dafür haben wir ein großartiges Programm ausgewählt, in dem unter anderem auch Stücke erklingen werden, die vom Orchester Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts uraufgeführt wurden. Als Gegenpol dazu wollte ich zu Beginn eine junge Stimme auf die Bühne bringen. Eine junge Komponistin wird ein neues Werk für uns schreiben. Mit diesem neuen Geist möchte ich das Publikum begrüßen, und das Besondere ist: Die Musik wird auch aus dem Zuschauerraum kommen. Um das Dirigieren zu können, muss ich mich also umdrehen. Das Publikum, das sonst ja nur den Rücken eines Dirigenten sieht, wird mich bei der Arbeit ansehen können. Dieses Zeichen von Offenheit ist mir wichtig: Ich bin da, ich bin da für das Publikum, für Wien, für dieses Orchester.