Aufbruch! Die Antrittskonzerte

1.10.2020
Aufbruch! Die Antrittskonzerte

Am 10. und 11. Oktober zelebriert die neue künstlerische Partnerschaft Andrés Orozco-Estrada / Wiener Symphoniker diesen Doppeltermin im Wiener Konzerthaus.

„Stimmt an die Saiten, ergreift die Leier!“ So heißt es, dieser kleine Vorgriff sei erlaubt, in vier Tagen im Musikverein, wenn die Wiener Symphoniker, der Wiener Singverein sowie ausgesuchte Solisten mit Andrés Orozco-Estrada am Pult Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ erklingen lassen und dabei den Klang der himmlischen Heerscharen in den Saal senden. Sie alle wissen, jedes Konzert, jede Operndarbietung ist wie eine Uraufführung, eine neue Schöpfung: Was nicht im Hier und Jetzt erklingt, zählt gewissermaßen nicht, ist für den Moment verloren. „Ja, jedes Konzert soll eine Sternstunde sein, das ist unser Ziel“, betont Andrés Orozco-Estrada mit Nachdruck: „Meines ist es jedenfalls, und ich weiß, dass auch die Symphoniker alles daransetzen. Denn ohne große Ziele kommt man nirgendwo hin. Aber eine Sternstunde bedeutet nicht nur, dass technisch alles perfekt und sauber ist, sondern dass etwas Besonderes entsteht, dass die Menschen im Publikum emotional bewegt werden von der Intensität der Musik und der absoluten Ehrlichkeit, mit der diese erzielt wird.“

Und was wäre eine bessere Zeit, um die Saiten neu zu stimmen, die Blasinstrumente durchzuputzen und irdische Kehlen frisch zu ölen, damit sie als Engelszungen durchgehen können, als das Musizieren mit einem „Neuen“, der da vorne den Ton angibt, respektive das Tempo – oder überhaupt besser: Der in wertschätzendem Miteinander, aber dennoch ohne faule Kompromisse, den Partituren zunächst so genau wie möglich auf den Grund geht – und auf dieser Basis dann im Moment der Aufführung alle Kräfte zu bündeln weiß, um himmelstürmende Schlüsse daraus zu ziehen? Tatsächlich soll die Musik Haydns einen Schwerpunkt bilden, ja sogar den Schlüssel darstellen für eine von Grund auf gedachte Pflege der Musik der Wiener Klassik, die Andrés Orozco-Estrada als neuer Chefdirigent der Wiener Symphoniker im Sinn hat: „Haydn ist ein Meister der klaren, einfachen Strukturen, gepaart mit höchstem Einfallsreichtum und Virtuosität: Er weiß mit wenigen Motiven unglaublich viel zu erzählen.“ Zugleich sei es unerlässlich für das Orchester, Klang, Artikulation und Phrasierung, kurz: seinen klassischen Stil an dieser Musik zu pflegen. Der Dirigent weiß, wovon er spricht: Schließlich hat er an der Wiener Musikuniversität studiert, im Singverein gesungen, sich seine ersten Sporen als Orchesterleiter bei den Tonkünstlern verdient und lebt seit 20 Jahren in dieser Stadt – trotz seiner internationalen Verpflichtungen bei großen Klangkörpern in Frankfurt und Houston. „Wir wollen das Herz und den Intellekt unseres Publikums gleichermaßen erreichen, dafür ist Haydn ideal“, sagt er, weshalb er seine neue kleine Reihe, „Hauskonzert“ genannt, mit einer Haydn-Symphonie beginnt: Hier bieten wir ein aufregend neues Orchestererlebnis“, schwärmt Andrés Orozco-Estrada, „binden die Menschen direkt ein und lassen sie teilhaben am Prozess, der zum künstlerischen Ziel führt. Das baut eine neuartige emotionale Brücke zwischen Interpreten und Publikum.“ Den Auftakt bildet mit Haydns „Feuer“-Symphonie Hob. I:59 das „Hauskonzert: Feuer“ am 11. Oktober, am Sonntagnachmittag von Orozco-Estrada Antrittswochenende als neuer Chefdirigent der Wiener Symphoniker.

Antrittswochenende? Ja – denn wir haben ja in diesem jüngsten Kapitel des Orchesters vorgegriffen. Am 10. und 11. Oktober zelebriert die neue künstlerische Partnerschaft Andrés Orozco-Estrada / Wiener Symphoniker diesen Doppeltermin in ihrer anderen Heimstatt, dem Wiener Konzerthaus. Richard Strauss’ „Ein Heldenleben“ fungiert an diesem Abend als Hauptwerk – und die Musik kaum eines Komponisten würde so eindrucksvoll „Virtuosität und Emotion“ miteinander kombinieren, ist Andrés Orozco-Estrada überzeugt, „Struktur und Freiheit, alle extremen Kontraste, die individuellen und kollektiven Stärken eines Orchester“ – und sie zugleich in eine so kluge Balance bringen, wie eben jene von Strauss. Das verbindet ihn für den Dirigenten übrigens über Epochen und Stile hinweg mit Haydn.

Soll sie also ein veritables „Heldenleben“ mit allem Brimborium werden, die gerade angebrochene Zeit des aus Kolumbien stammenden Musikers als Chefdirigent der Wiener Symphoniker? Wer hinter dieser Programmierung – und der bereits zusammen erarbeiteten Studioaufnahme – ein Ego vermutet, das sich analog zum Orchesterfortissimo aufplustert, der kennt und versteht weder Strauss’ Tondichtung noch die Persönlichkeit des Neuen am Pult, der freilich weder dem Orchester wirklich neu ist noch, und das schon gar nicht, dem Wiener Publikum. Der viel gescholtene Strauss hat den Titel nämlich durchaus ironisch gemeint (und mit „Don Quixote“ dem Heldentum auch ein verirrt-tristes, bewegendes Pendant zur Seite gestellt).

Chefdirigent wird man nicht mit internationalen Referenzen allein und auch nicht mit einem Schlag, zumindest nicht bei einem so traditionsbewussten und zugleich sich stets zielstrebig erneuernden Klangkörper wie diesem. Chef werden, das ist ein Prozess: Ohne musikalische Überzeugungsarbeit im doppelten Sinne wäre es unmöglich – eine Arbeit in Proben und Aufführungen also, die die eigenen Überzeugungen deutlich werden lässt und zugleich die Musiker auf ihre Seite holt und überzeugt, nicht überstimmt und beherrscht, sondern in künstlerischem Miteinander zur Gemeinsamkeit überzeugt. Strauss gehöre zum „Kernrepertoire der Symphoniker“, sagt Andrés Orozco-Estrada – und sei zugleich das Terrain, auf dem Dirigent und Orchester auf Basis des viel zitierten, aber jenseits der spezifischen Instrumente schwer zu definierenden Wiener Klangideals ihre gemeinsame Sprache definieren wollen, „hochromantisch und emotional, aber zugleich strukturell durchsichtig und in der optimalen Balance“.

Schwelgerische Fin-de-Siècle-Klänge von Erich Wolfgang Korngold schließt im Eröffnungsprogramm an die gloriose, eng mit der Moderne verbundene Frühzeit des Orchesters an – und zeigen es bei aller Brillanz auch als anschmiegsame, elastische Stütze der exquisiten Sopranstimme von Christiane Karg. Und nicht zuletzt stößt gleich zu Beginn die Uraufführung einer Fanfare der niederländischen, in Wales lebenden Komponistin Carlijn Metselaar die Tore ins 21. Jahrhundert auf. „Weil Musiker im Saal verteilt sind“, verrät Andrés Orozco-Estrada, „werde ich da auch mit dem Gesicht zum Publikum dirigieren: für mich das wunderbare Symbol einer musikalischen Umarmung.“ In diesem Sinne also: Bienvenidos, willkommen, welcome, Andrés Orozco-Estrada!

Walter Weidringer