Johannes Brahms: Das Vermächtnis eines Wahlwieners

Auf den Spuren einer innigen Verbindung

Wien, 3. April 1897: „Die gesamte musikalische Welt ist in tiefste Trauer versetzt: Johannes Brahms weilt nicht mehr unter den Lebenden. Der bedeutendste absolute Musiker, der größte Symphoniker der Gegenwart ist von hinnen gegangen. … Namenlos ist das Weh, das speciell uns Wiener erfüllen muß. Brahms war gleich Beethoven trotz fremder Herkunft der Unserige. Seine sterbliche Hülle wurde uns genommen, allein sein Genius wird fortleben in dieser Stadt, in der er gewirkt und geschaffen für die ganze Welt…“
So die Meldung über Brahms’ Tod im Neuen Wiener Abendblatt am selben Abend, als der in Hamburg geborene Komponist in seiner Wohnung in der Karlsgasse 4 gegenüber vom barocken Kirchenbau Fischer von Erlachs starb. Heute, 125 Jahre nach seinem Tod, findet sich jene Verkündigung bestätigt, denn Brahms ist gewiss kein Unbekannter in Wien. Davon zeugt nicht zuletzt das 1908 enthüllte Brahms-Denkmal am Resselplatz, gegenüber dem Musikvereinsgebäude, wo auch der Nachlass des Komponisten mit zahlreichen Autographen, Briefen und dem Großteil seiner Bibliothek verwahrt wird. Dagegen verschwand die seinerzeit wiederholt in der Wiener Presse formulierte Polarität bezüglich seiner Person nahezu vollständig aus dem gegenwärtigen Narrativ: auf der einen Seite der nüchterne Protestant aus dem Norden, dessen Werke wegen ihrer Komplexität, ihrer ernsten und düsteren Züge teilweise auf das Unverständnis seiner Zeitgenossen stießen, auf der anderen Seite das im „sonnigeren, gemütsweicheren, lebenswärmeren, ton- und farbenreicheren Süden“ herrschende Naturell – so Carl Staubach am 6. April 1897 im Deutschen Volksblatt, ähnlich wie Hans Paumgartner in seinem Feuilleton vom 7. Mai 1893 zu Brahms’ 60. Geburtstag in der Wiener Zeitung. Was blieb, ist Brahms’ Präsenz im Wiener Konzertleben, genauso wie die Resonanz des Publikums auf seine Werke.

1862 kam Brahms das erste Mal nach Wien. Seine Händel-Variationen op. 24 und die zwei Klavierquartette op. 25 und op. 26 durfte das hiesige Publikum – mit gemischten Reaktionen – kennenlernen, als Brahms im November desselben Jahres im Musikvereinssaal mit dem Quartett Hellmesberger musizierte. In Wien begegnete er weiteren prominenten Musiker:innen und Künstler:innen, schloss langlebige Freundschaften, wurde Leiter der Wiener Singakademie und übersiedelte nach weiteren Aufenthalten in der Donaumetropole 1872 endgültig nach Wien, wo er bis zu seinem Tode blieb. Das Wiener Umfeld diente auch als Katalysator für Brahms’ Interesse an Franz Schuberts Oeuvre, das sich bis zu seinem Lebensende zu einer facettenreichen Beschäftigung entwickelte, ja zu einer „sehr ernsthaften Schubertliebe“ in seinen Worten. Aufführungen des Pianisten und Dirigenten waren häufig mit Schubert’schen Kompositionen bestückt. „Die schönsten Stunden“ während seiner ersten Wiener Jahre verdankte er „ungedruckten Werken von Schubert“ – die Faszination des Handschriftensammlers an materiellen Relikten offenbarend. Von künstlerischer Kreativität bewegt, orchestrierte er Schubert’sche Lieder und komponierte sein Opus 39, „zwei Hefte kleiner unschuldiger Walzer“ in „Schubert’scher Form“, wie er dem Widmungsempfänger dieser Stücke Eduard Hanslick mitteilte. Nachdem er 1875 die erst zwei Jahre zuvor übernommene Leitung des Wiener Singvereins ablegte, konzentrierte er sich fast ausschließlich auf sein kompositorisches Schaffen. In Wien, aber auch an zahlreichen Kurorten, die Brahms mit Vergnügen besuchte, entstanden viele seiner bedeutendsten Werke und wurden vor dem Wiener Publikum zum ersten Mal auf die Probe gestellt, so Teile des Deutschen Requiems op. 45, seine 2. und 3. Symphonie (op. 73 und op. 90) und die Tragische Ouvertüre op. 81. Während zahlreiche sympathisierende Stimmen durch populäre Tageszeitungen und Zeitschriften ein großes Publikum erreichten, etwa durch die Rezensionen Wilhelm August Ambros’, Eduard Hanslicks und Max Kalbecks, fehlte es keineswegs an höchst polemischen Äußerungen. Doch diese Debatten beschränkten sich nicht auf musikalische Aspekte.

 

Bereits zu Lebzeiten wurde Brahms als wichtige Figur des künstlerischen und öffentlichen Lebens von verschiedenen Gruppen instrumentalisiert, die nach einem Sprachrohr für ihre eigenen sozialen und politischen Positionen und Agenden suchten – gerade in einer Zeit, als die politische Polarisierung immer größere Dimensionen annahm.

Trotz der vielen kritischen Stimmen zeichnete sich zu Lebzeiten und in den Jahrzehnten nach seinem Tod die Rezeption seiner Werke in der Donaumetropole als bemerkenswert ab, und dies nicht nur durch den Wiener Musikverein als traditionsreiche Institution. Eine lange und ebenfalls relevante Tradition weist auch die Brahms-Rezeption durch die Wiener Symphoniker auf. Gleich in der ersten Saison des neuen philharmonischen Orchesters – der Vorgänger-Institution der Wiener Symphoniker, die bis in die 1920er Jahre unter dem Namen Wiener Concertverein auftraten – stand die 1. Symphonie op. 68 in c-Moll auf dem Programm. Der Beifall im dritten Gesellschaftskonzert am 14. Februar 1900 war derart groß und die Kritiken enthusiastisch, dass Ferdinand Löwe, Mitbegründer und erster Chefdirigent des Orchesters, das Programm des außerordentlichen Konzertes am 27. Februar 1900 ändern und die Symphonie wiederholen musste. Erwartungsgemäß lobte Brahms’ späterer Biograph Max Kalbeck im Neuen Wiener Tagblatt das Konzert und die Komposition über aller Maßen; aber auch die Rezensenten zweier weiterer Zeitungen ganz unterschiedlicher Couleur überboten sich mit Superlativen, so in der katholisch-konservativen Reichspost vom 17. Februar 1900 und in der sozial-demokratischen Arbeiter-Zeitung. 

Das kollektive Kulturleben Wiens

Am 3. März 1900 nach dem Wiederholungskonzert schrieb der Rezensent dieses Blatts: „Eine so ausgezeichnete, klare und durchgeistigte Aufführung der Brahms’schen c-moll-Symphonie mit so viel Schwung und künstlerischer Freiheit hatte niemand zu hoffen gewagt. … Löwe versteht es, … die düstere Pracht eines Brahms aufzuzeigen.“ Dank Löwe und den Wiener Symphonikern erfuhren nicht nur Brahms’ Symphonien, sondern auch etliche seiner Chorwerke und Instrumentalkonzerte eine beachtliche Popularisierung vor dem Wiener Publikum zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Dies bezeugen auch die populären Orchester-Konzerte im Volksgarten und im großen Musikvereinssaal, die auch ‚leichtere Kost‘, wie Brahms’ Ungarische Tänze darboten. Ähnlich euphorischen Charakters sind die Rezensionen nach der Aufführung der „vom contrapunktischen Standpunkte wahrhaft großartigen“ Symphonie Nr. 4 in e-Moll op. 98, welche „die virtuose Glanznummer“ des Konzerts am 7. November 1900 bildete, wie Fritz Gaigg von Bergheim drei Tage später in der Reichspost schrieb. Selbst das bei seiner Wiener Erstaufführung durchgefallene Doppelkonzert op. 102 vermochte der Wiener Konzertverein unter Löwe am 3. Dezember 1902 zum Erfolg zu führen. Auf diese lange Brahms-Tradition blickt heute das Orchester zurück und baut auf dem auf, was seit Jahrzehnten das kollektive Kulturleben Wiens prägt.


Vasiliki Papadopoulou PhD
Projektleiterin der Wiener Arbeitsstelle der Johannes Brahms Gesamtausgabe der ÖAW

 

Werke von Johannes Brahms in der Saison 22-23
 
Kurhaus Bad Wörishofen
Tjeknavorian / Brahms, Haydn, Strauss
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Eschenbach / Brahms "Ein deutsches Requiem"
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Heras-Casado / Brahms "1. und 2. Symphonie"
Jaap van Zweden
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
van Zweden / Brahms "3. und 4. Symphonie"
Musikverein Wien, Großer Saal
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde / Beethoven, Brahms, Bruckner
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Lyniv, Shaham / Korngold, Brahms
Musikverein Wien, Großer Saal
Hahn / Brahms, Strauss