Der Abenteurer

WSY-Artist 21-22: Martin Grubinger

Tan Dun, Kalevi Aho, Avner Dorman: Die Schlagzeugkonzerte dieser drei Komponisten sind extrem unterschiedlich und geben so ganz nebenbei auch einen groben Überblick, was das Schlagzeug als Soloinstrument im musikalischen Dialog und Wettstreit mit dem Orchester alles kann“: Multipercussionist Martin Grubinger, als „WSY-Artist 21 – 22“ in dieser Saison mit sechs Auftritten und drei verschiedenen Programmen so etwas wie ein Dauer-Ehrengast der Wiener Symphoniker, ist Feuer und Flamme für die Werke, die er zusammen mit dem Orchester und drei auch für ihn besonderen Dirigenten realisieren wird. Besonderes Gewicht erlangen diese fünf Abende und eine Matinee in Konzerthaus und Musikverein auch durch eine andere, private Tatsache: Das schon vor längerer Zeit angekündigte Ende seiner aktiven Musikerkarriere mit 40 im Jahr 2023 wird Martin Grubinger, trotz so vieler Ausfälle durch die Pandemie, nicht überdenken und nach hinten verschieben. Glück im Unglück: „Es stehen noch so manch größere, aufregende Dinge an, auch Uraufführungen, zum Beispiel von Johannes Maria Staud, Thomas Larcher oder Daníel Bjarnason. Überhaupt werden meine letzten zwei Jahre gespickt sein mit tollen Projekten – und die Konzerte mit den Wiener Symphonikern liegen mir auch deshalb ganz besonders am Herzen. Aber dann hab’ ich tatsächlich andere Pläne.“ Natürlich findet der Professor an der Universität Mozarteum Salzburg im Unterrichten längst eine ganz spezielle Freude, doch: „Es gibt da noch den alten Traum des Geschichtsstudiums, den ich unbedingt verwirklichen will …“

„Der Slow-Burner ist das Spannendere“

Vorläufig bleibt jedoch neben der Familie die Musik das wichtigste Abenteuer – ein Abenteuer übrigens, das schon auf dem Papier beginnt. „Manchmal wünschte ich, die Komponisten dieser Welt könnten sich in der musikalischen Notation des Schlagwerks auf zwei, maximal drei verschiedene Wege einigen – aber so weit sind wir noch nicht“, schmunzelt Grubinger. „Das heißt, wenn ich zwei verschiedene Stücke einstudiere, muss ich beim Blick in die Partitur immer umdenken: Friedrich Cerha zum Beispiel notiert einfach ganz anders als etwa Peter Eötvös. Aber trotzdem ermöglicht das auch, die jeweilige Musiksprache besser verstehen und erfassen zu können.“ Bei neuen Partituren hofft er weder auf sofortige Euphorie, noch lässt er sich von etwaiger Ratlosigkeit entmutigen: „Eigentlich ist der Slow-burner das Spannendere, das Stück, das man sich in jeder Hinsicht erst erarbeiten muss. Wie oft bin ich schon vor Partituren gesessen, hab mir den Kopf gekratzt und gedacht: Oje, was ist denn das? Und dann bei der Einstudierung, bei den Proben zur Uraufführung mit dem Komponisten oder gar erst bei der Premiere komme ichdrauf, was das für tolle Musik ist! Überhaupt vertieft sich das Verständnis erst mit den folgenden Aufführungen wirklich, die deshalb ja noch viel wichtiger sind. Also fälle ich auf keinen Fall verfrühte Urteile, sondern freue mich darüber, dass ich mich auf den ersten oder zweiten Blick schon oft getäuscht habe – und gebe einfach in jeder Phase mein Bestes.“ Ein treues, begeistertes Publikum aller Altersgruppen weiß das längst und folgt dem Star auch auf fallweise überraschenden, ungewohnten künstlerischen Wegen mit offenen Ohren nach – weil dem künftigen Geschichtsstudenten Martin Grubinger mit seinem Musizieren das Geschichtenerzählen in exemplarisch aufregender Manier gelingt, gerade bei den genannten musikalischen Werken, für die er brennt: Zwei davon hat er selbst in Auftrag gegeben, nämlich die Schlagzeugkonzerte des aus China stammenden Tan Dun, der für seine Filmmusik zu Tiger and Dragon mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, und von dessen israelischem Kollegen Avner Dorman.
Tan Dun behandelt in Tears of Nature die elementare Gewalt der Natur, ihre Tränen, wenn sie geschunden wird, aber auch ihre regenerative Kraft: „Im zweiten Satz verwendet er ein Volkslied aus Südostchina, seiner Heimat. Ich habe das ein paar Mal mit ihm in China gespielt und war fasziniert, wie die Leute dort sofort mitgesummt haben“, erzählt Grubinger. „Der dritte Satz ist mit seinen Big-Band-Klängen auch eine Hommage an Tan Duns Wahlheimat New York, wohin das chinesische Volkslied musikalisch mitwandert. Es gibt da auch eine große Kadenz, in der die verschiedenen Instrumente mit ihren Motiven nochmals schön ineinander verwoben auftreten. Keine Improvisation, alles ist strikt vorgegeben – und der Komponist ist erpicht auf exakte Umsetzung!“ Auch in Wien, denn Tan Dun selbst wird die Symphoniker dirigieren. Dormans Konzert Frozen in Time ist von prähistorischen, miteinander verbundenen Kontinenten inspiriert: Grubinger hat es laut eigener Schätzung schon ungefähr 130 Mal gespielt – und das mit gutem Grund. „Das Hauptthema des ersten Satzes (Indoafrica) basiert auf Tālas, südindischen rhythmischen Zyklen und Tonleitern, beim zweiten (Eurasia) kann man das „Ach, ich fühl’s“ aus Mozarts Zauberflöte heraushören, der dritte Satz (The Americas) ist eine rasante perkussive Reise durch den Doppelkontinent.“ Am Dirigentenpult steht dabei so etwas wie ein Zunftkollege Grubingers: „Lorenzo Viotti ist ja auch Schlagzeuger und hat sogar in Wien studiert.“

Eine musikalische Freundschaft

Es sei eigentlich ein planerischer Zufall gewesen, sagt Martin Grubinger, aber es fällt doch auf, wie schön alle drei Schlagzeugkonzerte inhaltlich ineinandergreifen mit ihrem begeisterten Durch- und Miteinander verschiedener (Musik-)Kulturen, von Einst und Jetzt, von gegenseitiger Achtung, Wertschätzung und dem Einsatz für das Bedrohte: Das gilt nämlich auch für Sieidi (Kultstätte) des Finnen Kalevi Aho – und passt perfekt zu Grubinger, der sich bekanntlich seit langem auf vielen Ebenen und Kanälen vehement für eine Politik der Menschlichkeit einsetzt, im weitesten Sinne. „Aho hat Sieidi ursprünglich für meinen Kollegen Colin Currie geschrieben, und es war mein spezieller Wunsch, es mit den Symphonikern wieder aufzuführen. Der Titel bezieht sich auf eine heilige Stätte der Samen, des indigenen Volks im nördlichsten Europa. Ich finde, dieses tolle Werk ist für den Solisten besonders aufregend, übrigens mit einem relativ kleinen Instrumentarium, und entwickelt dabei eine spezielle intellektuelle Tiefe. Das Publikum wird in eine andere Welt entführt. Für das Orchester bedeutet es nicht zuletzt rhythmisch eine spezielle Herausforderung, weil es so komplex gearbeitet ist und sich zugleich in den gewählten Farben als besonders vielschichtig erweist. Ich habe überhaupt eine Schwäche für Ahos Musik, weil sie nicht radikal mit allem Bisherigen brechen will, sondern Vergangenheit und Tradition auf originelle, persönliche Weise weiterspinnt. Es ist übrigens das finnische Solokonzert mit den zweitgrößten Aufführungszahlen weltweit – nach dem Violinkonzert von Sibelius.“
Der musikalische Partner am Pult ist in diesem Fall der Chefdirigent der Wiener Symphoniker, Andrés Orozco-Estrada. „Mit Andrés verbindet mich schon seit vielen Jahren eine musikalische Freundschaft“, sagt Martin Grubinger, „und ich freue mich sehr, dass ich auch auf seine Initiative hin diese drei Schlagzeugkonzerte mit den Symphonikern realisieren kann. Ich glaube sagen zu können, dass ich ein echter Fan von Andrés bin, und zwar nicht nur als Musiker. Man erlebt als Solist ja eine Unzahl von Dirigenten in verschiedensten Altersstufen und Sozialisierungen. Andrés ist Humanist – was kann man sich mehr wünschen?“

Walter Weidringer

 

KONZERTE MIT WSY-ARTIST MARTIN GRUBINGER IN DER SAISON 21-22:

 

Martin Grubinger (c) Simon Pauly
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Tan Dun, Pachinger, Grubinger / Tan Dun, Debussy, Ravel
Martin Grubinger (c) Simon Pauly
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
50 Jahre Diplomatische Beziehungen Österreich - China
Musikverein Wien, Großer Saal
Orozco-Estrada, Grubinger / Aho, Korngold, Mussorgski
Musikverein Wien, Großer Saal
Orozco-Estrada, Grubinger / Aho, Korngold, Mussorgski
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Grande Finale: Grubinger, Viotti, Wang
Wiener Konzerthaus, Großer Saal
Viotti, Grubinger, Rett / Schostakowitsch, Dorman, Prokofjew