Mit neuem Twist

Mit neuem Twist

Elim Chan, die neue Artistic Partner, über ihre Verbindung zu den Wiener Symphonikern, zum Publikum und über ihre Liebe zum Boxen.
Elim Chan

Elim Chan, was hat Sie zu den Wiener Symphonikern hingezogen und Sie dazu inspiriert, mit ihnen als künst­lerische Partnerin zusammenzuarbeiten? Und warum haben Sie diesen Titel für sich vorgeschlagen? 

Als ich zum ersten Mal mit den Symphonikern arbeiten durfte, habe ich mich sofort in sie ver­liebt, das war im November 2022. Schon kurz dar­auf haben wir erneut zusammengearbeitet, wir waren im Musikverein -im Oktober 2024 mit dem Pianisten Seong-Jin Cho und einem Programm mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 2 und Rachmani­nows 2. Symphonie. Zunächst einmal ist dieser Saal etwas ganz Besonderes. Ich habe die Span­nung genossen zwischen diesem alten, histori­schen, goldglänzenden Raum, in dem man noch die Schatten von Johannes Brahms spürt und sogar sein Dirigentenpult berühren kann – was ein wenig einschüchternd war – und dem Gedanken: Hätte Brahms sich das jemals vorstellen können? Oder sein Publikum? Oder seien wir ehrlich: das heutige Publikum – gab es je einen Moment, in dem man sich hätte vorstellen können, eines Tages jeman­den wie mich am Pult zu sehen? Nicht nur eine Frau, sondern eine asiatische Frau? 

Ich liebe auch diesen Kontrast zwischen der Frische und Gegenwärtigkeit der programmier­ten Musik, den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern – und der Stadt selbst, die ein wenig wie in einer Zeitkapsel wirkt. Genau diese Bedin­gungen geben mir den Mut, hier besonders kühn zu sein und zu denken: Wir können alle Formen sprengen. Und ich habe das Gefühl, dass die Wie­ner Symphoniker immer bereit sind, ein solches Risiko einzugehen. Sie wissen: Man kann proben, so viel man will – aber die eigentliche Kraft des Musizierens entsteht im Moment selbst. Sie haben mich auch nach Bregenz zu ihrer Sommer­residenz eingeladen. All das hat einen Dialog zwi­schen uns entstehen lassen.

Was glauben Sie, werden Sie den Symphonikern bringen? 

Ich überrasche gern – nicht, um Menschen unan­genehm zu sein, sondern um sie herauszufordern, sie ein wenig aus ihrer Komfortzone zu holen. Denn genau das tue ich selbst. 

Es hilft mir tatsächlich, dass ich anfangs oft unterschätzt werde. Das motiviert mich nur, 200 Prozent vorbereitet zu sein. Ich liebe die Gesich­ter der Menschen, wenn sie nach zehn Minuten merken, wie wir arbeiten – wie es regelrecht dampft! Es motiviert mich ungemein zu zeigen, was ich leisten kann und will. 

Wie sehen Sie Ihre Verantwortung als Musikerin in einer Zeit, in der die Welt im Umbruch ist? 

Im Moment spüre ich eine Dringlichkeit, Raum zu schaffen: für Menschen, die Trost suchen, die eine Fluchtmöglichkeit brauchen, die überrascht wer­den möchten – vielleicht auch herausgefordert, um ein Werk, das sie immer geliebt haben, neu zu verstehen. Ich habe dieses starke Bedürfnis nach Verbindung, danach, sie zu berühren. Wenn ich das Publikum „in den Händen“ habe, spüre ich diese gemeinsame Konzentration. 

Ich glaube, die Menschen wollen Authentizität. Sie wollen bewegt werden. Und ich möchte sie so errei­chen, dass sie wirklich etwas fühlen und erleben. 

Ihre Biografie scheint in diese turbulente Zeit zu passen, oder? 

Ja, ich komme aus Hongkong, einem Ort, der in letzter Zeit viele Veränderungen durchgemacht hat. In mir hat ein intensiver Prozess des Inne­haltens und Nachdenkens stattgefunden. Das hat vieles relativiert. Ebenso wie die Pandemie – für mich und viele Freunde, die ihre Karriere aufgeben mussten. 

Aus diesen Erfahrungen heraus verspürte ich die Dringlichkeit, Dinge anders zu machen. Viel­leicht war ich früher ein wenig in einer Blase. Jetzt bin ich aufgewacht – und die Welt hat sich nicht beruhigt, sie läuft im Turbomodus weiter. Als ich jünger war, hatte ich eine Bucket List: eines Tages dieses Orchester dirigieren, jenes Orchester … Heute, in einer Welt, die verrücktspielt und in der so vieles unbegreiflich geworden ist, habe ich die­sen kleinen Zettel zerrissen. Ich glaube, dass das Leben viele Unbekannte bereithält und man gut daran tut, das, was kommt, zu umarmen. Und so bin ich jetzt in Wien gelandet– bei den Wiener Symphonikern.

Sie erhielten großartige Kritiken für Ihr Konzert im Oktober 2024 mit Seong-Jin Cho. Ein Rezensent schrieb: „Die Welt wäre stehen geblieben, hätten nicht Handy-Klingeln und Husten den Bann gebro­chen.“ Wie gehen Sie mit diesem Fluch des modernen Konzertsaals um? 

Handys, Husten, Hörgeräte – das haben wir alle erlebt. Es fällt mir schwer, mich darüber zu ärgern. Es gehört zu unserem Leben. 

Viel interessanter finde ich spontane Reaktio­nen, die manche als „unangemessen“ bezeichnen würden. Es ist immer jemand im Saal, der zum ers­ten Mal da ist und die Etikette nicht kennt. Im Musikverein, als Jörg Widmann spielte, reagierten manche mit einem lauten „Woah!“ – einige waren schockiert. Ich fand das großartig. Lieber echte Reaktion als nur höflicher Applaus. 

Wie sieht eine Elim-Chan-Programmgestaltung aus? 

Ein bisschen wie Kochen. Man stellt ein Menü zusammen: hier eine Textur, dort dieselben Zuta­ten, aber mit einem neuen Twist. 

Ich freue mich sehr auf mein Debüt im Wiener Konzerthaus im Oktober mit Gidon Kremer, der Alfred Schnittkes 4. Violinkonzert spielen wird. Er war schon bei meinem Wien-Debüt mit dem Radiosymphonieorchester dabei, als wir Sofia Gubaidulinas Violinkonzert Offertorium gemein­sam interpretiert haben. Dieses Konzert hatte er vor 40 Jahren am selben Ort uraufgeführt. Noch bevor er einen Ton spielte, bekam er riesigen Applaus – ich war vor Aufregung ganz zittrig. 

In seinem Klang hörte ich Leben, Tod, Leiden – alles war darin enthalten, deshalb habe ich ihn für dieses Projekt gleich kontaktiert. Und wir spielen Schnittke – gewissermaßen sein Markenzeichen – und Prokofjews Cinderella. Ich habe eine eigene Suite zusammengestellt, aus den vorhandenen Suiten und dem gesamten Ballett, und erzähle damit meine eigene Perspektive auf Cinderella. 

Hat Ihre eigene Geschichte als Dirigentin Einfluss auf Ihre Sicht auf „Cinderella“? 

Als ich zum ersten Mal auf der Bühne stand, fühl­te sich das wie ein Cinderella-Moment an. Und wie sie fragte ich mich: Ist das wirklich passiert – oder träume ich? 

Ich habe das Stück mit einer leisen, offenen Schlussfrage versehen. Leben sie glücklich bis ans Ende? Wollte sie im Schloss leben – oder sehnte sie sich nach dem Stadtleben? Ich möchte Erwar­tungen hinterfragen, besonders die an Frauen in Führungspositionen. Von Frauen wird erwartet, dass sie sich an die Regeln halten – aber diese Regeln wurden oft von Männern für Männer geschaffen, daher ist es an der Zeit, die Regeln komplett zu ändern. Ich muss mein eigenes Spiel­brett entwerfen, meinen eigenen Regeln folgen, mein eigenes Märchen erzählen. 

Sie boxen auch gern. 

Meine Boxhandschuhe sind immer im Gepäck. Ich muss nur noch herausfinden, wo ich in Wien trai­nieren kann – dann wird es sich noch heimischer anfühlen. 

Und Ihre Vorliebe für Krimis? 

Kürzlich habe ich die „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler gelesen – düster, verstörend. Ich liebe es, die Wahrheit herauszufinden und Rätsel zu lösen, daher interessiere ich mich für Detektiv-und Kriminalromane. Ich habe Psychologie stu­diert und habe ein tiefes Interesse an der menschlichen Psychologie und der Funktionswei­se des Geistes behalten. 

Was bedeutet Wien für Sie persönlich? 

Ich liebe Wien und nehme mir bewusst Zeit für die Stadt. Das Hundertwasserhaus rührt mich jedes Mal – es erinnert mich daran, wie sehr wir die Erde respektieren müssen. Ich liebe auch die Wiener Secession mit dem Beethovenfries sowie die gro­ßen Museen mit Werken von Gustav Klimt und Egon Schiele und dazu die Albertina. Ich atme Kunst – und Wien schenkt sie im Überfluss.

Das Interview führte Kate Connolly.

Elim Chan