Musik ist wie ein verwunschenes Haus

Musik ist wie ein verwunschenes Haus

Chefdirigent Petr Popelka über die Klangkultur des Orchesters, seine musikalischen Überzeugungen und die Werke und Gäste der Saison
Petr Popelka dirigiert im Musikverein

Das Dirigieren ist für mich eine Notwendigkeit, um Musik entstehen zu lassen. Und vielleicht ist es eine der universellsten Formen, sich mit der Musik zu beschäftigen. Weil man die Werke so in jeder Nuance kennenlernen, ausloten und durchdringen kann. Weil man als Dirigent die Möglichkeit hat, sich einem Stück intensiv zu nähern: zunächst in der Partitur, dann am Klavier, später in den Proben, im Dialog mit jedem einzelnen Musiker und jeder Musikerin – unter Kolleg:in­nen. Und dann, natürlich, am Ende im Konzert, wenn man sich plötzlich mittendrin in dieser abenteuerlichen Welt des Klangs befindet.

Und vielleicht ist es das, was mich im dritten Jahr als Chefdirigent der Wiener Symphoniker besonders fasziniert: umgeben zu sein von Menschen, die gemeinsam mit mir hinabsteigen in die tiefsten Kellergewölbe eines Werkes, hinab in die dunkelsten Ecken, um sie auszuleuchten, zu erforschen und ins Rampenlicht zu stellen. 

Das Musizieren bedingt Partnerschaften. Und ich bin glücklich, die Wiener Symphoniker als Part­ner:innen zu haben. Meine Beziehung zu diesem Orchester hat als heftige und emotionale Romanze begonnen. Damit, dass wir bei einer Mahler-Sympho­nie vom Blitz getroffen wurden, gespürt haben, dass uns die Magie des Klanges verbindet, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen wollen, dass wir – so sagt man das wohl – „miteinander gehen wollen“. 

Im dritten Jahr ist unsere Romanze zu etwas Größerem gewachsen, zu einer echten Beziehung. Wir kennen einander. Wir müssen weniger Rücksicht neh­men. Wir können Klartext sprechen. Bei den Proben müssen wir die Stücke nicht mehr durchspielen, son­dern können gleich mit der echten Arbeit im Detail beginnen. Wir vertrauen einander. Wissen, wie wir ticken. Wir kennen unsere Stärken und Schwä­chen – und respektieren sie. Wir genießen die Arbeit miteinander. Und dabei wollen wir keine Zeit verlieren. Nach zwei Jahren sind wir effizienter geworden. Schneller. Pointierter. Ein echtes Team.

WICHTIGE PARTNER:INNEN

Wenn man als Gastdirigent:in zu einem Orchester kommt, geht es meist darum, in einer intensiven gemein­samen Woche einen möglichst besonderen Abend auf die Beine zu stellen. Als Chefdirigent probt man mit dem eigenen Orchester an anderen Dingen. Man kommuni­ziert anders und entwickelt andere Methoden in der Zusammenarbeit.

Deshalb freue ich mich, dass in dieser Saison so viele unterschiedliche und von mir sehr geschätzte Kolleg:innen das Orchester dirigieren werden: Philippe Jordan, der die Wiener Symphoniker so gut kennt wie kaum jemand anderer. Experten wie Ádám Fischer mit Haydn oder Ton Koopman, der Mozart dirigiert. Und ich bin sehr glücklich, dass wir Elim Chan als Artistic Partner der Wiener Symphoniker gewinnen konnten, die sich spannende Programme für das Orchester aus­gedacht hat, und die ich als Kollegin ungeheuer schät­ze. All unsere Gastdirigent:innen werden die Vielfalt unseres Klangs erweitern. 

Als Chefdirigent der Wiener Symphoniker geht es mir darum, gemeinsam mit dem Orchester eine Haltung zu entwickeln, gemeinsame Methoden, um mög­lichst vielfältig und flexibel musizieren zu können. 

Ein Orchester ist ein spannender Organismus: Es verwandelt sich ständig und knüpft doch immer auch an eine Tradition an. Allein in meiner kurzen Zeit als Chefdirigent haben wir viele junge Musiker:innen für das Orchester gewinnen können – besonders in den Streichern. Und ich freue mich darauf, dass wir zu einem großen Ensemble zusammenwachsen, in dem jede Stim­me auf die andere hört. 

Am effizientesten für diesen Prozess sind viel­leicht unsere Tourneen. Hier können wir gemeinsam pro­bieren, ohne abgelenkt zu werden. Auf Reisen schmelzen wir in unserer Arbeit zusammen. Außerdem wiederholen wir an den unterschiedlichsten Orten der Welt einzel­ne Werke immer wieder vor ganz unterschiedlichem Publikum. Auf Tour haben wir die Möglichkeit, jeden Tag tiefer hinabzusteigen, um dem Kern der Musik näher zu kommen.

DENKEN IN ZYKLEN

Ein Beispiel: Seit ich bei den Wiener Symphonikern bin, haben wir Mahlers erste Symphonie acht Mal gespielt. Keine Aufführung glich der anderen. Ich bin sicher, dass diese Erfahrung sich auch auf die Mahler-Abende aus­wirken wird, die wir diese Saison auf dem Programm haben. Innerhalb eines Zyklus’ entwickelt man einen anderen, intensiveren Zugriff auf die Werke von Kom­ponist:innen und kann die einzelnen Stücke miteinander in Dialog bringen. Ich freue mich darauf, dass wir unse­ren Mahler-Zyklus heuer mit der fünften und der neun­ten Symphonie fortsetzen.

Musik ist für mich wie ein verwunschenes Haus: Klar, man kann die Fassade neu streichen, um es frisch aussehen zu lassen. Aber richtig spannend wird es erst, wenn man in den Keller hinabsteigt, die alten Heizungs­ventile kontrolliert, die Spinnweben in jenen Ecken ent­fernt, in die sonst niemand schaut. Wenn man jeden Winkel und jeden Schalter kennt und weiß, wie man mit ihnen die Nuancen des Klangs verändern kann.

HINABSTEIGEN IN DIE TIEFE

Die Wiener Symphoniker und ich genießen es, in den Tie­fen des Klangkörpers nach immer neuen Möglichkeiten des Ausdrucks zu suchen. Es ist schwierig, den Klang eines Orchesters in Worte zu fassen. Wahrscheinlich ist es das Beste, einfach zu kommen und ihn zu erleben. 

Was ich aber sagen kann, ist, dass mir ein Klang­ideal vorschwebt, das sich am besten mit dem Begriff der „dynamischen Breite“ beschreiben lässt. Dynamik bedeutet dabei nicht nur die Spanne von Laut und Leise, sondern die Vielfalt der möglichen Farben und der klanglichen Charaktere, zu deren Entwicklung man in der Lage ist.

Um dieses Klangideal zu erweitern, ist es für mich wichtig, ein vielfältiges Repertoire zu etablieren und zu pflegen und immer wieder Neues zu probieren. So wie wir den 1. Aufzug der Walküre in der letzten Saison zum ersten Mal gespielt haben, oder diese Saison Musik von Samuel Barber oder Toshio Hosokawa. Bunte Mischun­gen aus verschiedenen Stilen sind nicht nur für das Pub­likum interessant, sondern auch für die Entwicklung des Orchesters. 

Flexibilität entsteht also auch durch die Auswahl der Werke. Bei meinem Amtsantritt habe ich gesagt, dass Mozart wie das Zähneputzen für ein Orchester sei: gut für die Klanghygiene. Aber dazu gehören natür­lich auch Komponisten wie Beethoven, Schubert oder Schumann. Deren Werke spielen wir auch in dieser Sai­son. Nicht nur, weil es großartige Musik ist, sondern weil uns jedes Stück für sich unterschiedliche Dinge lehrt -das Orchester ebenso wie Sie als Zuhörende.

MUSIKALISCHES TRAININGSLAGER 

Für diese Saison habe ich zum Beispiel ganz bewusst Schumanns zweite Symphonie ausgewählt. Sie ist für mich eine Art musikalisches Trainingslager. Wir haben dieses Stück extra so gelegt, dass wir Zeit für beson­ders intensive Proben haben. Immerhin handelt es sich um einen der schönsten langsamen Sätze der Musikge­schichte, in dem es darum geht, die Bläser in all ihren Facetten auszutarieren. Oder das Scherzo, das von der detaillierten Balance der Streicher lebt. Auf diese Pro­ben – und auf das Konzert – freue ich mich sehr.

Die Wiener Symphoniker sind das Orchester der Stadt Wien. Und ich fühle mich hier zu Hause. Ganz besonders in Formaten wie der Hör-Bar, wenn ich gemeinsam mit Kammermusik-Ensembles selber wieder zum Musizierenden werden darf. Wenn ich am Klavier sitze und schwitze, ob ich keinen Quatsch spiele, meine Einsätze finde und den Kolleginnen und Kollegen gerecht werde. Wenn ich gemeinsam mit Musikerinnen und Musi­kern des Orchesters, im wahrsten Sinn des Wortes, spiele!

Mich erfüllen Augenblicke, wenn neue Komposi­tionen von Olga Neuwirth selbstverständlich neben Klassikern von Dvořák stehen, wenn ein Raum entsteht, in dem es keine Trennung der Genres mehr gibt, der Zeiten und der Ästhetik. Und genau das strebe ich für die ganze Saison der Wiener Symphoniker an: Ein Orchester, das alle Grenzen durchbricht, das sich in alle Richtungen ausbreitet und entwickelt – und das Sie, unser Publikum, jeden Abend mitreißt in die unglaubli­chen Tiefen der Musik.

Petr Popelka
zu den Konzerten mit Petr Popelka