"Mythos" Beethoven

4.3.2017

Der „Mythos Beethoven“ wäre nicht denkbar ohne die neun Symphonien: Ihre bis dahin unerreichte, zwischen Humor und Tragik, Lyrik und Tanz abwechselnde orchestrale Kraft und Dynamik stellen bis heute höchste Anforderungen an die Interpreten. Und das nirgendwo mehr als in Wien, wo „alle Neune“ uraufgeführt worden und seitdem im Repertoire geblieben sind. Die Wiener Symphoniker haben den gesamten Zyklus zuletzt 1998-99 unter der Leitung ihres damaligen Chefdirigenten Vladimir Fedosejev im Wiener Konzerthaus aufgeführt.

In der Saison 2016-17 werden sie sich gemeinsam mit ihrem heutigen Chefdirigenten Philippe Jordan dieser größten Herausforderung des klassischen Repertoires stellen: sowohl im Wiener Musikverein als auch bei der großen Asien-Tournee im März/April 2017.

Noch im ausgehenden 18. Jahrhundert ist die am 2. April uraufgeführte Symphonie Nr. 1 C-Dur op. 21 entstanden, die mit einer kühnen Eröffnung, der - unaufdringlichen - Dissonanz eines in die „falsche“ Tonart F-Dur führenden Septakkordes, gleich Beethovens Anspruch auf revolutionäre Erneuerung deutlich macht. Dennoch bleibt sie der Tradition verpflichtet, ebenso wie die Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 36, die von einem Rezensenten 1804 als „ein merkwürdiges, kolossales Werk, von einer Tiefe, Kraft, und Kunstgelehrsamkeit, wie sehr wenige“ charakterisiert wurde. Kein Wunder, dass dann die Dritte in Es-Dur op. 55, die ursprünglich Napoleon gewidmete „Eroica“, von der Kritik eher befremdet aufgenommen wurde: Angesichts der „unvollendeten Fanfare“ als Hauptthema im ersten Satz, einem Trauermarsch im zweiten, einem Jagd-Scherzo und einem tänzerisch-wilden Finale meinte ein Rezensent „des Grellen und Bizarren allzuviel zu finden“, ein anderer empfahl Kürzungen!

Die Symphonie Nr. 4 B-Dur op. 60 sprudelt vor allem in den Ecksätzen vor Lebensfreude über, während der von leisen Paukenschlägen grundierte langsame Satz eine eher geheimnisvolle Atmosphäre entfaltet. Spätestens mit der Fünften hat Beethoven dann eine Art symphonischeIkone geschaffen, mit der sich Ausdrücke wie „Schicksalssymphonie“und „Durch Nacht zum Licht“ bis heute unausweichlich verbinden: der Romantiker E. T. A. Hoffmann fühlte sich durch den monomanisch um eine einzige Figur kreisenden ersten Satz und den aus einem eher düsteren Scherzo ausbrechenden triumphalen Jubel des letzten „in das Geisterreich des Unendlichen“ entführt.

Ganz anders die „Pastorale“, Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68: Sie malt Vogelzwitschern und Gewitter in Töne, als Empfindungen des von der Natur begeisterten Subjekts. Die erhabene Siebte in A-Dur op. 92 wird vor allem durch hartnäckige rhythmische Figuren, mal tänzerisch, mal marschhaft-schreitend, in einen unwiderstehlichen Drive versetzt; die Achte in F-Dur op. 93 ist von Beethovens zuweilen derbem Humor geprägt, mit jähen Kontrasten, unvermuteten Modulationen und dem berühmten tickenden zweiten Satz, dessen Bezug auf das „Mälzel-Metronom“ allerdings eine Legende sein dürfte.

Die Summe von Beethovens Schaffen - und die größte Hypothek für alle weiteren Komponisten von Symphonien - stellt freilich die Symphonie Nr. 9 d-moll op. 125 dar: tragisch-dramatisch im ersten, dämonisch-komisch im zweiten, lyrisch-erhaben im dritten und alles zusammen im Finale, der berühmten „Ode an die Freude“ nach dem Text von Friedrich Schiller.

Text: Marie-Louise Löffelhardt

Konzert
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan / Beethoven
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan / Beethoven
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan / Beethoven
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan / Beethoven
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan / Beethoven
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan / Beethoven
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan / Beethoven
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan / Beethoven
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan / Beethoven
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan / Beethoven
Musikverein Wien, Großer Saal
Beethoven-Zyklus
Musikverein Wien, Großer Saal
Philippe Jordan: Beethoven-Zyklus
Musikverein Wien, Großer Saal
Beethoven-Zyklus
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan / Beethoven
Philippe Jordan (c) Julia Wesely
Musikverein Wien, Großer Saal
Beethoven-Zyklus
Philippe Jordan (c) Julia Wesely
Musikverein Wien, Großer Saal
Jordan, Kampe, Sindram, Fritz, Pape, Thibaudet, Singverein / Beethoven