In memoriam Georges Prêtre

7.3.2017
Georges Prêtre und die Wiener Symphoniker: der Maître selbst bezeichnete diese Verbindung als „Liebesbeziehung“. Wohl aus diesem Grund wollte er sich niemals institutionell abgesichert binden (nur als Erster Gastdirigent, nicht als Chefdirigent wollte er in den 80er-Jahren mit dem Orchester arbeiten), denn durch fixe Bindungen entstehen Ehen, und Ehen drohen das zu werden, was Prêtre am meisten verabscheute: Repertoire. Es ist daher doppelt unstatthaft zu sagen, er hätte ein riesiges Repertoire dirigiert, denn er lehnte es auch ab, sich als Dirigent, gar als Kapellmeister bezeichnen zu lassen. Als Interpret verstand er sich in der Rolle des Geburtshelfers, der dem jeweils neu entstehenden Text ein niemals alterndes, weil aus dem Augenblick stammendes und in ihm aufgehendes Leben schenkte.

Georges Prêtre zu würdigen heißt ihm jenen Rang zu geben, der all den zwischen den Kontinenten pendelnden Jet-Set-Supershootingstars mit ihren Drei- und Vierfach-Chefdirigentenpositionen unablässig mit höchst zweifelhaftem Recht zugesprochen wird und längst Promotion-Repertoire geworden ist: er nämlich war in der Tat eine Ausnahmeerscheinung. Seine längst legendäre Kunst der Improvisation, die einem höchst riskanten Drahtseilakt mit beständiger Absturzgefahr glich, hatte ihr Fundament in einem minutiösen Partiturstudium, dem er in Phasen der Zurückgezogenheit vom Konzertbetrieb konzentrierte Muße widmete; und die Bereitschaft, letztere zuzulassen, war wohl auch das Geheimnis der bis ins hohe Alter ungebrochenen Spannkraft seines Gedächtnisses und seiner emotionalen Beteiligung, die es ihm gestattete, jeder Routine bloßer Emotionsdarstellung zu entgehen. Dies verlieh jeder seiner Interpretationen das Sigel von Authentizität, so sehr auch jede einzelne von ihnen Gegenstand kontroverser Diskussionen werden konnte.

Für uns Musiker bedeutete die Konfrontation mit Prêtres Musizierpraxis eine extreme Herausforderung, sowohl was das Verständnis der mitunter aberwitzigen Zeichengebung als auch die Transformation seiner pointillistischen, am französischen Impressionismus geschulten Interpretationsweise auf die Werke der Wiener Klassik anbelangte. Dass kein Takt wie der andere sei, das metrische Gerüst gemeinsam mit den Taktstrichen zum verachteten Repertoire-Gerümpel zählte – daran musste man sich erst in einer Weise „gewöhnen“, die zugleich jede „Gewohnheit“ untersagte.

Georges Prêtre war insofern ein „Moderner“, als er das von Walter Benjamin als Signatur sensuell-nervöser Rezeptionsweise definierte, von Baudelaire erstmals beschriebene „Chock-Erlebnis“ zur Grundlage seiner Interpretation machte. Nicht den großen Bögen, sondern dem absolut Unvorhersehbaren, Überraschenden, in ungewohnter Beleuchtung Farbigen, der Priorität des Details in seiner unverwechselbaren Individualität galt sein Interesse. Wo der extreme Sensualist auf Texte traf, die zumindest von ihrer Anlage her diese Sichtweise unterstützten oder sogar erforderten, wurden daraus jene außergewöhnlichen Konzertereignisse, die man mit dem Repertoirewort „Sternstunden“ bezeichnet, die aber weit eher aufglühenden Kometenbahnen glichen.

Mit Prêtre Debussys La mer gespielt zu haben oder Berlioz’ Symphonie fantastique (gar beides in einem Programm, wie 1983 bei den Bregenzer Festspielen), wird jedem Musiker ebenso unvergesslich bleiben wie seine Fähigkeit, aus dem gefährdeten Bolero ein Höchstmaß aus Intensität und Obsession herauszuholen, das die ostinate Gleichförmigkeit dieses Stücks völlig vergessen lässt. Wo andererseits extreme Temporückungen nicht aus dem musikalischen Text begründbar waren, provozierte er unablässig die Frage nach dem Stellenwert des Interpreten im Hinblick auf zumindest teilweise objektivierbare, auf den Komponistenwillen verweisende Parameter. Wer jemals Strauss’ eigene nüchterne Interpretation des Rosenkavalier-Beginns gehört hatte und sie mit Prêtres Sichtweise der Rosenkavalier-Suite – einem seiner „Leibstücke“, das er mit den Wiener Symphonikern allein in neun Produktionen spielte – verglich, glaubte sich auf einem anderen musikalischen Planeten. Doch selbst jene Kritiker, die den „Dienst am Werk“ als vorrangige oder alleinige Aufgabe des Interpreten erachten, müssten im Falle Georges Prêtres einräumen, dass auch ein leidenschaftlich-individualistischer Zugang abseits jeder Routine vor allem jenen Werken einen unschätzbaren Dienst erweist, die als „Dauerbrenner“ Gefahr laufen, in den unablässigen Reproduktionen des Konzertbetriebs erstickt zu werden.

Es ist kaum zu glauben – aber mehr als ein halbes Jahrhundert währte die Zusammenarbeit der Wiener Symphoniker mit Georges Prêtre bereits. Als er im Juni 1962 erstmals im Konzerthaus auftrat und ein durchaus unkonventionelles Programm (mit Werken von Berg und Strawinski) dirigierte, konnte niemand ahnen, dass daraus die längste Beziehung in der Orchestergeschichte (mit mehr als 320 Auftritten in 110 verschiedenen Produktionen) entstehen würde. Zunächst waren die Begegnungen eher sporadisch, doch auf Grund höchst erfolgreicher Konzerte im Verlauf der späten 70er-Jahre lag es nahe, nach dem unerwartet frühen Ende der Chefdirigentenzeit Gennadij Roshdestwenskijs eine Form engerer Kooperation mit Prêtre zu suchen. Die 80er-Jahre bildeten so auch quantitativ deren Zentrum, doch auch danach bekannte sich der Maître stets zu den Wiener Symphonikern und leitete sie alljährlich, sei es beim Fernsehkonzert „Frühling in Wien“ (2004), auf Europa-Tourneen (1996 und 1997), auf der Österreich-Reise (2005) und in den großen Wiener Zyklus-Konzerten. Wir können ohne Übertreibung sagen, dass Georges Prêtre zumindest zwei Musikergenerationen geprägt hat. Als er anlässlich seines 80. Geburtstages erklärte, er sei in Wahrheit 4 x 20 Jahre alt, empfanden wir dies als höchst zutreffende Beschreibung seines physisch und geistig überaus vitalen Zustands.

(Text: Ernst Kobau)

Intern
Musikverein Wien, Großer Saal
Buchbinder, Prêtre / Beethoven, J. Strauss (Sohn), Offenbach, Ravel
Musikverein Wien, Großer Saal
Buchbinder, Prêtre / Beethoven, J. Strauss (Sohn), Offenbach, Ravel