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Wolfgang Sawallisch

Ehrendirigent der Wiener Symphoniker

Nach einem Konzert im Februar 1993 resümierte der Kritiker Franz Endler: „Ein Satz, den man wohl nach jedem Konzert mit Wolfgang Sawallisch schreiben wird: Auch das Wiener Musikleben hätte einen Künstler von seinen Qualitäten als ständige Institution sehr notwendig.“ Drei Jahrzehnte zuvor – von 1960 bis 1970 – war Sawallisch als erster Chefdirigent der Wiener Symphoniker im Übergang von der Nachkriegszeit in die Normalität eines institutionell abgesicherten lokalen und zunehmend auch internationalisierten Konzertwesens eine solche Wiener Institution gewesen. Mit ihm gastierte das Orchester 1964 erstmals in den USA, 1967 im Rahmen einer Weltreise auch in Japan: der große Erfolg dieser Tourneen machte aus dem für Wien immer schon wichtigen Konzertorchester ein weltweit anerkanntes Ensemble hoher Qualität. Zugleich gelang es Sawallisch, die Wiener Symphoniker durch etliche Platteneinspielungen (u.a. aller Orchesterwerke von Brahms) auch im Bereich der Tonträger prominent zu positionieren.

Aus dem anfangs der 60er-Jahre beendeten „Karajan-Zyklus“ ging auf seine Anregung der „Symphoniker-Zyklus“ hervor, in dem vor allem zyklische Aufführungen des symphonischen Schaffens großer Komponisten aus Klassik und Romantik im Mittelpunkt standen. In der wirtschaftlichen Aufbruchzeit der 60er-Jahre entwickelte sich auf diese Art ein „Drei-Säulen-Modell“ orchestraler Praxis, das noch einige Zeit weiterwirken sollte: die Konzentration auf Kernaufgaben im Wiener Konzertleben verband sich mit der Präsenz auf dem Plattenmarkt und internationaler Reisetätigkeit. Es bedeutete für die Wiener Symphoniker einen Glücksfall, dass Wolfgang Sawallisch nach einem Jahrzehnt der Abwesenheit 1980 ans Pult zurückkehrte und eine ausgedehnte Europa-Reise zum 80. Geburtstag des Orchesters leitete. Danach kam es zu einer kontinuierlichen Zusammenarbeit, die ein weiteres Vierteljahrhunderte währte: so lagen 48 Jahre zwischen dem ersten und dem letzten Auftreten des großen Dirigenten bei den Wiener Symphonikern – eine Zeitspanne gemeinsamen Musizierens, die kaum ein anderer Dirigent erreichte.

Die Musiker schätzten an ihm seine unprätentiöse, bisweilen in bayrischen Grant reichende Direktheit, aus der immer kollegiale Sympathie leuchtete: „Meine ersten Geigen, bitte spielts mir diese Stelle piano! Ihr könnt’s des nämlich!“ Bei Sawallisch fühlte man sich immer gut aufgehoben – „Im Interesse der Deutlichkeit“ lautete der Titel eines von ihm verfassten Buches über Musik, und handwerkliche wie interpretatorische Deutlichkeit zeichnete sein Musizieren aus. Exhibitionistische Schaumschlägerei war ihm verhasst, er gehörte noch jener Dirigentengeneration an, die es als ihre alleinige und zugleich vornehmste Aufgabe ansah, die Werke – und nicht sich selbst – in den Mittelpunkt zu stellen. Das hat Sawallisch bei der Kritikerzunft, die zunehmend Originalität der Darstellung als oberstes Qualitätsmerkmal postulierte, mitunter in den Ruf eines trockenen Akademismus mit stets vorhersehbaren Resultaten gebracht, zumal er sich auf den Wandel des interpretatorischen Geschmacks im Zeichen von Originalklangbewegung und Urtextausgaben nicht einließ. Doch wer je mit ihm wirklich musizieren konnte, verspürte seine leidenschaftliche und nie versiegende Liebe zur Musik, die angemessen zur Sprache zu bringen im Zentrum seiner stets von hohem Verantwortungsgefühl geprägten Bemühungen stand.

Als Wolfgang Sawallisch 2005 aus gesundheitlichen Gründen seine aktive musikalische Laufbahn beendete, ging wahrhaft eine Ära zu Ende, der ein besonderer Stellenwert in der Orchestergeschichte zukommt. Wir wünschen unserem ehemaligen Chefdirigenten in dankbarer Erinnerung an unzählige schöne Konzerte noch viele erfüllte Jahre bei möglichst guter Gesundheit.