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Mittwoch, 14. November 2012 | 19.30 Uhr Prêtre / Beethoven, Strauss, Ravel Musikverein Wien, Großer Saal
Donnerstag, 15. November 2012 | 19.30 Uhr Prêtre / Beethoven, Strauss, Ravel Musikverein Wien, Großer Saal
Samstag, 17. November 2012 | 19.30 Uhr Prêtre / Beethoven, Strauss, Ravel Musikverein Wien, Großer Saal
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Ehrendirigent der Wiener Symphoniker
Dass es sich bei Prêtre-Konzerten nicht um „herkömmliche“ Konzerte handelt, steht außer Zweifel. Als „Dirigent“ hat sich der 1924 in Waziers geborene Dirigent selbst – und darin stimmen ihm die Orchestermusiker uneingeschränkt zu – nie verstanden: eher als „Interprêtre“ und durchaus im Sinne des französischen Vokabels als ekstatischer Musik-Priester und Vermittler göttlichen Odems, der den großen Werken entströmt. Vor derartigen Größen verstummt hierzulande jede Kritik, es sei denn, sie äußern sich kritisch über österreichische Verhältnisse, und da dies Georges Prêtre schon deshalb nie getan hat, weil eben Musik seine Muttersprache ist, übt sich die Wiener Kritik, dankbar, ihrer verbrieften Verpflichtung zu distanzierter Skepsis enthoben zu sein, bei Prêtre-Konzerten in entrückter Selbstvergessenheit. Wie auf mittelalterlichen Stifterbildern sieht man dann im Konzertsaal allenthalben kleine Kritikerfiguren mit Rosenkränzen statt Partituren in Händen, in Bet- oder Adorationsstühlen demütig vor ihrem großen Heiligen kniend, dem sie tags darauf ihre Panegyriken als mildtätige Stiftungen in den Feuilleton-Opferstöcken darbringen und aus deren Wunder-vollen Superlativen auch ein wenig Glanz auf das Orchester fällt.
Berufsbedingt sehen die Musiker aus der verzerrenden Praxis-Perspektive die Dinge nüchterner, schließlich müssen sie das Konzert ja spielen, sind sich aber in der Bewunderung der geistigen und physischen Leistung des nunmehr fast 87-jährigen Maître einig, der vor nunmehr 25 Jahren die Stelle des Ersten Gastdirigenten der Wiener Symphoniker übernahm. Orchestermusiker seines Alters sind beinahe ebenso lange schon in Pension, und selbst wenn man konzediert, dass Dirigieren in der Kombination aus angewandter Gymnastik, sublimierter Machtausübung und öffentlichem Ruhm ideale Voraussetzungen für die Bewahrung von Vitalität und Lebensenergie bietet, sind und waren dennoch vielen bedeutenden Dirigenten physische Grenzen gesetzt, die für Georges Prêtre nicht zu gelten scheinen. Seine geistige und körperliche Elastizität überträgt sich geradezu magisch auf die Orchestermusiker, spornt sie aufs Äußerste an und motiviert zu Höchstleistungen, die sich auch der extremen und bis zur Erschöpfung führenden gesteigerten Anspannung verdanken, welche die sachdienliche Dechiffrierung von Prêtres kryptischer, um nicht zu sagen orakelhafter Form der Zeichengebung erfordert.
Es ist, um Freud’sche Terminologie zu verwenden, die permanente Durchbrechung des Reizschutzes, welche – ganz im Sinne von Walter Benjamins Ausführungen über Baudelaire – dem Musizieren Prêtres seinen schockartigen und damit intensiv erlebnishaltigen Charakter verleiht: „Je größer der Anteil des Chockmoments an den einzelnen Eindrücken ist, […] desto eher erfüllen sie den Begriff des Erlebnisses“; und „desto weniger gehen sie in die Erfahrung ein.“ Diese illuminierende Erkenntnis Benjamins stellt für uns die künstlerische Eigenart Prêtres in die große französische Tradition, als Paris die „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ war, erklärt aber umgekehrt auch den tatsächlich bemerkenswerten Sachverhalt, dass selbst bei von ihm oftmals interpretierten Werken keine Prêtre’sche „Interpretationstradition“ entstehen kann. Und wo sich keine erfahrungsgesättigte Anschauung bildet, regiert das Suchtverhalten, sich unentwegt aufs Neue den faszinierenden, unerwartet hereinbrechenden Schocks auszusetzen.
Vielleicht liegt ein Geheimnis seines Erfolgs im weisen Entschluss, Zeiten zurückgezogener Muße mit einem klar umgrenzten „Repertoire ohne Repertoire“ zu verbinden: mit einem intensiv studierten Werkkanon ohne Routine-Gefahr.